Facebook is a closed shop XI

Social media has changed the public sphere. And I would like to add another point. On the one hand, civil society creates its own newsticker streams via Twitter and Facebook timelines with its own content. It is different from the content in corporate media. On the other hand, if you surround yourself with real-life friends only on these platforms a social network turns Biedermeier-style: Closed circles, no outsiders looking in, you are very much entre nous, no one interfering. So, although we receive news over these new channels, in fact there is no danger of anything completely new coming through. And that’s a striking difference between social media and, say, mailing lists and usenet [where you mostly meet people you do not meet in other contexts].

Posting, Mailingliste nettime-l, 5. Mai 2010.

Buckower Freitag

Nach dem Ausschluß von Rainer Kühn aus der „Freitag Community“ schrieb ich dort am 5. Mai 2010 folgenden Kommentar an den stellvertretenden Chefredakteur Jörn Kabisch, worauf er nicht replizieren mußte:

Lieber Jörn Kabisch, wenn Sie schreiben: „Ehrlich gesagt habe ich persönlich schon darüber nachgedacht, ob sich der Freitag nicht von einer ganzen Reihe von Usern trennen sollte“, fällt mir Brecht ein: „… Wäre es da| Nicht doch einfacher, die Regierung| Löste das Volk auf und| Wählte ein anderes?“

„Du hast nur 1000 Witze“ II

Zwei Wochen und ein paar Gedanken später: Für die Rückmeldungen, die mich als Kommentar und per E-Mail erreicht haben, möchte ich mich hiermit noch einmal bedanken, darüber habe ich mich sehr gefreut. Ich möchte dieses Blog fortführen, es wird aber wieder mehr wie früher werden: Mehr Dokumentation, mehr Berichte, weniger Biographisches und auch insgesamt weniger Beiträge als in neuerer Zeit. Die beiden letzten Posts gingen schon in diese Richtung. On verra.

Nichts zu verbergen

In der Diskussion um Google Streetview, Facebook und den Datenschutz haben sich mittlerweile zwei Lager gebildet:

Die einen sind dagegen, weil sie das Recht auf informationelle Selbstbestimmung hochhalten. Aufgrund der Drittwirkung der Grundrechte ist auch ein Privater wie Google hieran gebunden. Und das flächendeckende Abphotographieren in Verbindung mit Geo-Daten und so mächtigen Tools wie eben Google Maps oder Streetview ist auch meines Erachtens ein so intensiver Eingriff in die Grundrechte der Betroffenen, daß dies nur durch ein Opt-in gerechtfertigt und damit zulässig sein kann.

Für die anderen (unter anderem Klaus Graf) wiegt hier die Handlungsfreiheit schwerer, so daß sie auf das vorgenannte Problem der informationellen Selbstbestimmung gar nicht mehr eingehen. Alle Daten, die von Google erhoben werden, seien öffentlich zugänglich, weil von der Straße aus einsehbar, und es müsse möglich sein, weiterhin Panoramaaufnahmen (auf Wikimedia Commons gibt es dazu eine eigene Sammlung) zu machen usw. Ein Gesetz gegen Google Streetview wie das in Hamburg geplante würde ihnen auch diese Freiheit nehmen (was natürlich nicht zutrifft, wenn es sich nur um einzelne Aufnahmen handelt). Das geht bis zum Postulieren einer „Panoramafreiheit“.

Das Argument der zweiten Gruppe kennen die Älteren noch von der Volkszählung: „Wir haben nichts zu verbergen.“ Datenschutz aber geht anders, im zweiten Fall ist er nämlich abwesend, und ich meine, daß eine Aktion wie Google Streetview mit dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung nicht zu vereinbaren ist, wenn keine vorherige Zustimmung vorliegt. Hier tut Aufklärung not.

Leicht redigierte Fassung eines Postings in der Mailingliste Newlaw-l, 11. Mai 2010.

Ernst Ludwig Kirchner im Frankfurter Städel

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Sex and drugs and rock’n’roll also – Ernst Ludwig Kirchner war von dem Thema besessen: „Sein Atelier in Berlin und auch vorher in Dresden war ausstaffiert als eine Art Sextempel. Sogar die Ofenkacheln zeigten kopulierende Paare. Er war in dem Zusammenhang schon ziemlich manisch“, erzählt Kurator Felix Krämer in der Tagesschau. Gefühlte 60–70 Prozent der gerade im Städel gezeigten Bilder zeigen Akte in mehr oder weniger ungewöhnlicher Pose, stehend, liegend, knieend. Vieles kennt man, zumindest irgendwie meint man, sich daran zu erinnern, wenn man davorsteht: Die Berliner Straßenszenen mit den hochgschlossen gekleideten Prostituierten und ihren zylinderbehuteten, abgewandten Freiern, vor allem. Das „Soldatenbad“ auch, das wegen der isländischen Vulkanasche verspätet eingetroffen war. Das „englische Tanzpaar“. Die Davoser Bergwelt. Fehmarn. Insgesamt gut 180 Bilder umfaßt die Ausstellung auf zwei Ebenen, und man sollte genügend Zeit mitbringen, denn hier wird ein enzyklopädischer Überblick über das Werk gegeben, der es wert ist, in Ruhe betrachtet zu werden.

Man wird mit einer Zitatesammlung empfangen. Kirchners Tagebücher und Briefe wurden ausgeschlachtet. Soundbites. Nolde mochte er. Und sich selbst auch. Beckmann aber nicht, obwohl mich manche seiner Bilder durchaus an Beckmanns Stil erinnerten. Niemand habe solche Farben verwendet wie er. Je bekannter er werde, desto weniger trauten sich andere, ihm etwas Unangehemes zu sagen. Seine Psychiater seien „erstklassige Menschenschinder“ gewesen. Und: „Ich liege meist im Bett und verbringe die Tage mit Träumen von neuen Bildern.“

Kirchner malte keine Berufsmodelle, sondern, wie auch die anderen Maler der „Brücke“, die jeweilige Lebensgefährtin. Die Tänzerin Erna Schilling begegnet einem schon im ersten Ausstellungsraum, wo er sich in einem melancholischen Selbstporträt mehr hinter ihr versteckt. Erna sitzt nackt vor ihm, dem Betrachter zugewandt, und ihr Gesicht zeigt die Depression, die Kirchner Zeit seines Lebens eigen war. Bohème-Szenen der Zeitenwende: Ende des Kaiserreichs, erster Weltkrieg, Beginn der Weimarer Republik. Kirchner hebt bei seinen Selbstbildnissen, aber auch später bei anderen Porträts, die Augen hervor, vor allem die Wimpern. Die Landschaftsbilder sind in dumpfen Farben gehalten, und ich frage mich, ob sie im Laufe der Zeit verblaßt sein mögen? Immer wieder grün: Am Himmel, im Main des Frankfurter Westhafens, in den Gesichtern. Soziale Probleme sucht man allerdings vergebens, die haben ihn nicht interessiert. Die Straßenszenen zeigen kein realistisches Abbild der damaligen Gesellschaft, sondern nur Ausschnitte, die Unterschicht fehlt.

Nach dem kurzen Kriegseinsatz war Kirchner psychisch erkrankt und begab sich zur Behandlung in ein Sanatorium in Königstein, wo er u.a. mit dem Schriftsteller Carl Sternheim, einem anderen Patienten, zusammentraf, von dem er ein Porträt fertigte. Krankenhausszenen entstanden. Der Mensch kann schön sein und scheußlich. Die Schmerzen des Krankseins deformieren den Leib, die Gesichtszüge, das Fühlen immer mehr. Schnitt: Die Zuflucht in Davos war eine andere Welt. Die Bilder werden größer, erhalten ein anderes Format, und auch die dargestellten Motive füllen das Bild besser, auch sie werden mächtiger. Eindrucksvoll fand ich die „Alpküche“, ein äußerst unruhiges Bild mit mehreren Fluchtpunkten, auf dem alles um die niedergeschlagene Figur am Tische herum sich in Bewegung befindet. Nicht ein rechter Winkel ist in dem Bild zu sehen. Und die rote Alphütte hebt sich, in den Berg gebaut, schützend und trotzig von der sanft-hügeligen Umgebung ab, in warmem Rot strahlt sie in der Nacht.

Sehr angetan war ich auch von den wenigen Plastiken aus Holz, vor allem „Mutter und Kind“, aber auch das späte „Akrobatenpaar“ gefiel mir.

Der „Neue Stil“ des Spätwerks machte auf mich dagegen insgesamt einen deprimierenden Eindruck. Es schien mir, daß Kirchner bei dem Versuch, sich noch einmal weiterzuentwickeln, gescheitert ist. Die Farben werden immer kraftloser. Viele Nachtszenen. Anleihen bei Picasso weisen nur umso mehr darauf hin, daß die Motive und die Technik keine eigenen mehr waren. Es gelang ihm nicht mehr, an den früheren – auch kommerziellen – Erfolg anzuknüpfen. Das späte Bergbild von der „Schafherde“ zeigt naturalistische Farben. Kirchner erschoß sich, als die Nazis nach dem Anschluß Österreichs 25 km Luftlinie von Davos entfernt standen, mit zwei Schüssen ins Herz.

So unmittelbar wie hier war ich vorher noch nicht mit dem Expressionismus in Berührung gekommen. Der Eindruck im Bild und in der Plastik ist unmittelbar und sehr viel direkter als in der Literatur, mit der ich mich bisher beschäftigt hatte.

Angenehm empfand ich, daß sehr viel weniger Publikum anzutreffen war als bei meinem letzten Besuch im Städel, damals zur Botticelli-Ausstellung. Weil Tageskarten verkauft werden, konnten wir die Ausstellung auch für eine Kaffeepause verlassen und wieder zurückkommen. Dazu bietet sich vor allem das Café im nebenan liegenden Liebighaus an. Das offizielle Video eignet sich gut für eine erste Einführung.

Ernst Ludwig Kirchner, Städel Museum, Frankfurt am Main, bis einschließlich 25. Juli 2010.