Wie ein linkes Projekt abgewickelt wird

von schneeschmelze

Rainer Kühn führt seit einiger Zeit ein Blog, in dem er sich kritisch mit der Wochenzeitung Freitag auseinandersetzt, insbesondere mit der Entwicklung der dortigen Blogger-Community, zu der auch ich einmal gehört hatte, ein preisgekröntes Webmagazin. Gestern schrieb Rainer Kühn unter anderem: „Ich stelle dabei fest, daß an offensichtlich rechtskonservativen und nazistischen Bloggern lange festgehalten wurde, während Vertreter einer Linie des alten Freitag á la Christoph Hein, Elmar Altvater oder Thomas Rothschild oder einer noch dezidierteren linken Position sehr schnell von der Community-Bühne verschwanden. Ich denke heute, daß das nie ein Zufall war, sondern die bewußte Richtungnahme des neuen Meinungsmagazins derFreitag.“ Rainer Kühn wurde als Blogger aus der Freitag Community ausgeschlossen, weil er sich mit diesen rechten Tendenzen auseinandergesetzt hatte. Wie ich schon einmal angemerkt hatte: „‚Der Freitag‘ ist ein Abschreibungsobjekt. Wenn er genügend Verlust gemacht hat, wird er dichtgemacht.“ Und auf den Abgang Jakob Augsteins bin ich heute schon gespannt, denn der Freitag ist mittlerweile in der Öffentlichkeit eng mit seiner Person verbunden. Ohne seine Zeitung, säße er nicht im Presseclub oder bei Phoenix. Ziel muß es für ihn sein, die Zeitung als linkes Projekt abzuwickeln, dabei einen genügend großen Gewinn zu machen und selbst so wenig beschädigt wie möglich aus der ganzen Sache hervorzugehen, denn er wird ja auch morgen noch kraftvoll zubeißen wollen. Und als ebenfalls langjähriger Freitag-Leser, der von der Entwicklung, die das Blatt genommen hat, mehr als frustriert ist, ziele ich auf das genaue Gegenteil: Mein Anliegen ist aufzuzeigen, daß Jakob Augstein, wenn er dort weggeht, nicht nur seine Jubelperser mitnehmen wird, die er in den Verlag mitgebracht hatte, sondern auch die altgedienten Redakteure und Autoren, die mit dem Freitag in gut 20 Jahren ein einzigartiges und kluges linkes Projekt geschaffen hatten, das sich dem äußerst rechten, neoliberalen, „normalisierenden“ Mainstream entgegenstellte, der seit der „Wende“ in Deutschland um sich gegriffen hat. Denn so eine Zeitung wie den Freitag kann man nicht einfach wieder neu aus dem Boden stampfen, gerade in der heutigen Zeit. Und das empört mich wirklich.