Web 2.0 und kein Ende

Wir sind noch ganz am Anfang. Anders kann man es nicht deuten. Das Gedöns, das diese persönlichen Entscheidungen begleitet, wie es Claudia Kilian gerade in Worte gefaßt hat, ist beträchtlich. Auch in meinem Blog hatte sich die Serie von Beiträgen unter der Überschrift Facebook is a closed shop ja über insgesamt 16 Folgen hingezogen, bis ich endlich einen Schlußstrich zog und meinen dortigen Account schloß. Ich habe es nicht bereut. Mir fehlt nichts. Im Gegenteil: Ich merke, wie lebendig das Web 1.0, das neben dem neuen Web 2.0 weiter besteht, immer noch ist. Mailinglisten und auch manche Newsgroups bieten weiterhin interessante Diskussionen und Austausch. Auch hier werden Nachrichten transportiert, Twitter hat kein Monopol darauf. Auch hier gibt es ein Meinungsspektrum. Und zwar mit mehr als 140 Zeichen. Und die Perlen sind dort übrigens genauso schwer zu finden, sie sind genauso selten wie anderswo auch. Hanjo Iwanowitsch schloß sich mir übrigens an, wie ich lese, und ging bei der Gelegenheit gleich auch noch bei Xing von Bord. Einer aber war gar noch radikaler und löschte gleich sämtliche Accounts, die man überhaupt so haben kann (Facebook, Twitter, Linked-in, Wer-kennt-wen, MySpace plus Instant Messaging) und erklärte, fortan nur noch in seinem Blog und bei Wikiversity zu publizieren. Die Resonanz war enorm: 85 Kommentare innerhalb von zehn Tagen, einer sprach sogar vom „digitalen Suizid“. Das ist natürlich eine Übertreibung, darauf kann nur kommen, wer die Maßstäbe vollkommen verloren hat und mehr im digitalen Jenseits als im irdischen Hier und Jetzt lebt. Unter meinen reinen Online-Kontakten, die mir (jedenfalls bisher) im wirklichen Leben noch nicht begegnet sind, gab es angesichts meines Abschieds von Facebook sowohl Unverständnis und Schweigen als auch Nachdenkliches zu lesen, darunter auch die Befürchtung, Kontakte zu verlieren, wenn man eine solche Plattform verließe. Ich lege aber großen Wert darauf, die Plattform, über die ich mit jemand kommuniziere, selbst zu wählen. Ich folge niemand blind irgendwohin, nur weil er oder sie dort agiert, wenn ich mich ebenda nicht wohl fühle. Anderenfalls würde ich mich dem anderen unterordnen, um mit ihm kommunizieren zu können – das könnte man nicht ernsthaft vorhaben, was für eine einseitige Art von Kommunikation könnte denn dabei herauskommen? Was bleibt, ist letztlich Verwunderung über die vielen Verwicklungen und die große Unsicherheit allenthalben, die der Umgang mit dem doch eigentlich gar nicht mehr so neuen Web 2.0 mit sich bringt. Die diesbezüglichen Übertreibungen bis hin zur Annahme eines „digitalen Suizids“ sprechen für sich. Es ist ein sehr langer Weg von der Einführung einer neuen sozialen Praxis bis zu einem wirklichen Verständnis derselben, auf das sich dann ein reifer Umgang damit gründen könnte. Und was hat mich zu diesem Text angeregt? Ein Posting von Claudia Kilian auf Identi.ca und die darauffolgende Diskussion in ihrem Blog, wie eingangs schon erwähnt … das Web 2.0, es lebt … man kann es gar nicht mehr loswerden … dennoch: es ist ein nice to have, kein must.

3 Kommentare zu „Web 2.0 und kein Ende“

  1. Die Gründe für den Ausstieg bei Facebook et. al. kann ich durchaus nachvollziehen.

    Trotz alledem erscheint es mir für denjenigen, der publiziert oder sonst in irgendeiner Weise Inhalte herstellt sinnvoll, auf einer Vielzahl von Web 2.0 Plattformen vertreten zu sein. Im einfachsten Fall nur, um auf einen neuen Blogbeitrag hinzuweisen.

    Man kann ja für sich persönlich die Entscheidung treffen, nicht mehr über Facebook oder Twitter kommunizieren zu wollen. Aber wenn man sich eine möglichst große Leserschaft (Hörerschaft, Kundschaft etc.) wünscht, was spricht dagegen, zumindest präsent zu sein?

    Es mag sich wie gesagt darauf beschränken, jeweils lediglich auf einen Inhalt, den man im „Web 1.0“ anbietet, hinzuweisen.

    Zeitungen, die bei Twitter vertreten sich, tun i. d. R. nichts anderes.

    In diesem Sinne nutzt man das „Web 2.0“ nicht anders als RSS.

    Es ist nur ein Instrument, um die Reichweite zu erhöhen oder z. B. den Lesern, die mit RSS nicht umgehen können (das dürften übrigens erstaunlich viele sein) eine Möglichkeit anzubieten, die eigenen Inhalte zu abonnieren (wie man bei RSS sagen würde).

  2. So kann man das sehen, wenn man gerne eine sogenannte „Reichweite“ hätte. Was mein Blog angeht, so hat sich aber gezeigt, daß die meisten neuen Leser über Links hierherfinden, die andere Blogger hierher setzen. Und das hatte in keinem Fall etwas mit Facebook zu tun. An zweiter Stelle kommen Besuche über die Suchmaschinen und Identi.ca. Dann kommt Twitter. Facebook wirkte sich überhaupt nicht aus.

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