Wikipedia und Google als Ideologie II

von schneeschmelze

Der Internetbenutzer ist immer auf der Suche. Er weiß noch nicht, wo er das, wonach er sucht, finden wird, aber er glaubt fest daran, das Orakel namens Suchmaschine werde ihm den Weg dorthin weisen. Ich bin ja ein großer Fan von freien Inhalten und auch von der dazugehörigen Technik. Meine eigenen Versuche mit der freien Suchmaschine Yacy verliefen aber eher ernüchternd. Es ist nicht trivial, eine nach Relevanz geordnete Liste von Treffern aus einem selbst erstellten Index zu erstellen, selbst wenn dem Dokumente zugrundeliegen, die man selbst für relevant hält. Meine Skepsis gegenüber der Suchmaschine als Kulturtechnik besteht deshalb fort. Auch das derzeit gehypte Gegenmodell „Empfehlung über soziale Netzwerke“[1][2] hat mich letztlich nicht überzeugt, denn die Linkschleudern, die über Twitter oder Facebook verbreitet werden, sind doch ziemlich im eigenen Saft der jeweiligen Benutzerkreise entstanden, und sie sind, vor allem, auch ganz heiße Ware, sehr leicht verderblich. Ich erledige derzeit praktisch 95 % meines Suchbedarfs durch das Wikipedia-Plugin in Firefox. Deshalb glaube ich, daß es sich dabei um das nachweislich erfolgreichste Projekt zur Orientierung im Web handelt. Derzeit, jedenfalls. Von all den vielen Ansätzen zur Orientierung im Web (Webkatalog, Suchmaschine, Metasuchmaschine) bleiben wird nicht notwendigerweise Wikipedia, aber jedenfalls so etwas wie Wikipedia: Ein riesiger Textkorpus, wo alles reingeschrieben wird, was „relevant“ ist und der ständig von den Nutzern selbst aktuell gehalten wird, selbstverwaltet und unter einer „freien“ Lizenz. Eine Abbildung der Welt auf einen Text. Alles wird zu Text, und es gibt hier nichts außerhalb des Texts. Es ist also selbst wiederum eine Konstruktion, wie auch die Suchmaschine schon eine erstellt hat. Immerhin aber ein von Menschen gepflegter, sinnhafter Korpus, dessen Inhalt nicht von Algorithmen bestimmt wird, wie bei der Suchmaschine. Die kommen erst beim Durchsuchen des Textkorpus ins Spiel. Es ist ein Text, der verstanden werden will. Natürlich sind sowohl Google als auch Wikipedia letztlich Ideologien des Webs. Es sind „Mythen des Alltags“ im Sinne Roland Barthes‘. Aber das Modell Wikipedia ist nachweislich nützlich und hinreichend flexibel. Es taugt zur Orientierung und zur Information. Was bisher noch völlig fehlt, ist freilich eine Kritik von Wikipedia, denn die kann das Projekt selbst nicht leisten. Das hatte die merkwürdige Debatte um die Relevanzkriterien sehr nachdrücklich gezeigt. Hier wäre also etwas zu tun, auf dem Weg vom Suchen zum reflektierten und reflektierenden Suchen. Vom Suchen zum Denken und damit letztlich zu sich selbst.