Auf der Suche nach der Insel

von schneeschmelze

Mathias Müller von Blumencron, einer der Chefredakteure des „Spiegel“, im Gespräch mit Frank „Payback“ Schirrmacher über Print- vs. Online-Journalismus, das iPad, Facebook, Twitter und so weiter:

„Es fing an mit den Compuserve-Foren, da haben wir nur kommuniziert. Dann gab es einen großen Aufschwung der journalistischen Websites, die allerdings häufig noch wenig interaktiv daherkamen, sondern eher klassisch autoritär. Vor ein paar Jahren dann begann die Rückbesinnung auf die kommunikative Seite des Netzes, getragen durch die neuen Web-2.0-Technologien. Heute lassen sich viele Leute eher bei Facebook und Twitter durch ihre Freunde informieren als über klassische redaktionelle Seiten. Das ist unsere neue Konkurrenz. … Das iPad ist wie eine Insel. Auch der „Spiegel“ ist auf dem iPad ja wie eine Insel. Es gibt eine mächtige Strömung drum herum, aber die Leute sehnen sich nach dem festen Grund.“

Ich glaube, von Blumencron hat hier jedenfalls eines richtig erfaßt: Es gibt eine starke Sehnsucht der User nach einer Insel inmitten eines Webs, das sich selbst technisch, inhaltlich und funktional sehr schnell und immer schneller entwickelt und in dem die Informationsströme immer schneller und immer breiter, immer umfangreicher fließen. At the still point of the turning world. Im rasenden Stillstand. Die Zivilgesellschaft schafft sich im Web 2.0 ihre eigenen Informationsströme, ihre eigenen Ticker, setzt übrigens selbst die Themen, an der Manipulation von Politik und Konzernen in den Massenmedien vorbei, was zuletzt beim Sturz des Bundespräsidenten zu beobachten[1][2] war, ganz gleich, welche Faktoren dabei sonst noch eine Rolle gespielt haben mögen. Für viele sind die sozialen Netzwerke, in denen zunehmend der Versuch unternommen wird, das Netz drumherum abzubilden, zu einer Art Insel geworden, in der man sich ungestört mit seinen mehr oder weniger virtuellen „Freunden“ austauscht, wo einen nichts Fremdes mehr stören wird, so leicht zu bedienen wie eine Waschmaschine. Ein gemachtes Nest. Gelebtes Biedermeier. Ein Zuhause. Aber was für eines.

Die Massenmedien versuchen krampfhaft, auf dieser Insel noch weiterhin vorzukommen in der Timeline der „Friends“ und „Followers“. Dabei haben sie schon längst an Bedeutung eingebüßt, denn sie hängen als Teil der Nachrichtenindustrie am Tropf der Agenturen und der Presseabteilungen, und genau das wollen immer weniger Leute noch lesen. Auch Müller von Blumencrons Meinung, die Leute wollten „Geschichten, […] Staub, auch Blut“ lesen, geht weitestgehend am Thema vorbei, denn damit ist das Geschäft der Revolverblätter beschrieben, die online längst nicht die Bedeutung erlangt haben wie sie sie offline haben. Blogs, Mailinglisten, aber auch das Usenet transportieren keine „Nachrichten”, sondern in erster Linie Erfahrungen, Meinungen, Fragen, Austausch, gegenseitige Bezugnahmen aufeinander, Diskussion, Kontroversen, und zwar selbstgemacht, das heißt: Ohne Einflußnahme eines Konzerns, ohne fremde Moderation. So ist es üblich im Web 1.0, das auch von Blumencron durchaus kennt, und er erzählt, kurz gesagt, er habe früh bemerkt, daß hier etwas schwer Kontrollierbares entstanden ist, das eigenen Gesetzlichkeiten unterliegt.

Aber die Nutzer der sozialen Netzwerke leben damit, daß sie sich einer Hausordnung unterwerfen und daß sie, um den geflügelten Satz aus den 60er Jahren aufzugreifen, ihre Füße unter einen fremden Tisch strecken. Das gleiche gilt für die Nutzer des iPad, bei dem Apple bestimmt, welche Anwendungen welche Inhalte anzeigen dürfen. Noch nie war Gleichschaltung so freiwillig (URL evtl. mehrfach aufrufen).

Eine Insel. Aber was für eine. Jedenfalls keine für eine offene Gesellschaft.