Von Laien und Experten

von schneeschmelze

Kurz gesagt, hat der Feuilletonist Frank Schirrmacher dem Medienwissenschaftler Stefan Münker Ende 2009 die Show gestohlen, und das völlig zu Unrecht, denn Münkers Buch über das Web 2.0 war bei weitem gehaltvoller als Schirrmachers „Payback“. Münker gelingt auf jeweils wenigen Seiten, woran Schirrmacher bis zum Schluß seines zusammengestammelten und pessimistischen Pamphlets scheitert: Er bietet eine gründliche medientheoretische Analyse des Umbruchs, in dem sich die Medienlandschaft seit ein paar Jahren, seit dem Boom von Google, Facebook, Blogs und Twitter befindet, und er hat ganz offensichtlich auch sehr gut verstanden, worüber er schreibt. Daß er dennoch in den Feuilletons der letzten Saison kaum vorgekommen ist, ist ein Zeichen dafür, was das Vitamin B eines FAZ-Herausgebers zu bewirken vermag. Auch der Perlentaucher listet nur eine Rezension – pikanterweise aus der FAZ –, aber auch hierzu ist zu bedenken, daß auch dort immer nur die bürgerliche Presse ausgewertet wird, beispielsweise der Freitag fehlt dort regelmäßig.

Münker denkt Habermas‘ Theorie vom Strukturwandel der Öffentlichkeit in die Gegenwart hinein fort und stellt sich damit auch gegen die pessimistischen Thesen, die Habermas selbst vor kurzem erst gegen „das Internet“ formuliert hatte. Habermas ist der Ansicht, die Demokratie könne auf Zeitungen nicht verzichten. Wenn sie wegen des vordringenden Netzes zu verschwinden drohten, müsse notfalls der Staat stützend eingreifen und eine Art Grundversorgung mit Qualitätsjournalismus sicherstellen, ähnlich dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk (122). Dem hielt Jeff Jarvis ebenfalls in der „Süddeutschen“ entgegen, nicht die Zeitungen seien wichtig für die Demokratie, sondern der Journalismus, und der sei nicht ans Papier gebunden, sondern könne genausogut im Netz sich abspielen (123).

Dies ist nur ein Beispiel, das zeigt, wie minutiös Münker die Diskussion der letzten zwei, drei Jahre nachzeichnet und kritisch diskutiert, dabei aber immer optimistisch bleibend und den Blick auf die Chancen der Entwicklung gerichtet.

Ein Musterbeispiel für die Chancen des Web 2.0 scheint ihm dabei die Wikipedia zu sein (95 ff.). An ihrem Erfolg zeige sich, so meint er, daß das neue Medium sogar in der Lage sei, den Begriff des Wissens zu verändern: „Wissen“ sei seit „Wikipedia“ nicht mehr, was „eine relativ kleine Klasse von Experten“ sich zusammenreime und für die Laien aufschreibe, auf daß es ihnen zum Vorteil gereiche, sondern „Wissen“ sei nunmehr das „Resultat der vernetzten Kollaboration eines zunehmend großen Kreises von engagierten Amateuren, deren weitgehende Anonymität jegliche Rückschlüsse auf ihre Kompetenz verbietet“ (99). Diese These ist richtig und falsch zugleich. Falsch ist ganz sicherlich, daß sich der Begriff des Wissens nunmehr im Vergleich zur Brockhaus- und Britannica-Ära verändert hätte. Geändert hat sich vielmehr, was in den jeweils aktuellen Nachschlagewerken steht und wer es dort hineinschreibt. Wenn man früher sagte, jemand wisse mehr als ein anderer, sei mithin besser gebildet, so wird man das auch heute noch von ihm sagen können, denn Bildung ist in erster Linie Umgang mit Information, es ist eine persönliche, kognitive Kompetenz, die mit der Information nicht gleichgesetzt werden darf. Richtig ist allerdings, daß die Information, auf die man im Zweifelsfall heute allgemein zurückgreift, auf andere Weise zusammengetragen, produziert wird als früher zu Brockhaus‘ Zeiten. Doch auch hierbei ist zu bedenken, daß allen Untersuchungen nach die Wikipedianer keine vollständigen Laien sind, die der enzyklopädischen Redaktion aus Experten gegenübergestellt werden könnte: Sie sind nachweislich überdurchschnittlich gebildet und formieren sich damit ebenfalls zu einer Gruppe von Experten, ganz wie die Autoren der früheren Lexika auch (101). Dieses Verständnis hielte Münker übrigens aus denselben Gründen auch für die Gegenüberstellung von Journalisten und Bloggern für grundlegend falsch (129). Freilich waren die Lexikon-Verlage, als sie ihre Produktion einstellten, um Klassen cleverer als die Zeitungsverleger, die bekanntlich immer noch darüber nachdenken, wie man mit einer Nachrichtenwebsite Geld verdienen könnte. Als das nachweislich im Lexikonbereich mehrere Jahre lang nicht klappte, weder in geschlossenen noch in offenen Modellen, haben sie sehr schnell den Stecker gezogen, erst Meyers, dann Microsoft.

Die Medien des Web 2.0 sind nach Münker begrifflich keine Massenmedien, weil sie im Gegensatz zu diesen erst im Gebrauch (eines sozialen Netzwerkes, eines Blogs) entstehen, während die Massenmedien, allen voran das Fernsehen, aber auch die Zeitungen, senden oder sonst verbreitet werden, auch wenn gar keiner zuguckt oder liest. Die neue digitale Öffentlichkeit existiert deshalb immer fragmentiert, dezentral (51) und im Plural, sie entsteht immer wieder neu in actu zwischen den Benutzern, sie setzt gemeinsames Handeln der Beteiligten voraus. Die sozialen Netzwerke versammeln die Nutzer, bündeln die Kommunikationsströme und bilden so „das Zentrum des zentrumslosen Netzes“, sie sind dessen „Motor“, während die „sichtbaren Blogs“, also diejenigen, die von einer gewissen Zahl an Nutzern gelesen werden, das „Hirn“ des Netzes seien (127).

Münker beschließt seinen Essay mit der apodiktischen Feststellung, „andere Öffentlichkeiten als digitale“ werde es „auf absehbare Zeit nicht mehr geben“ (135), aber damit dürfte er, bei aller Sympathie und bei allem Gewinn, mit dem man seine Analyse liest, doch wiederum etwas zu weit gegangen sein, denn selbstverständlich gibt es weiterhin die Öffentlichkeit der Straße oder des Cafés. Öffentlichkeit ist nicht nur dort, wo Menschen über Medien kommunizieren. Diese Form der Kommunikation ist, analog oder digital vermittelt, immer nur eine abgeleitete Form der unmittelbaren Kommunikation von Mund zu Mund. Die Agora hat noch lange nicht ausgedient, im Gegenteil, denn alles übrige, Mediale ist letztlich ja von ihr abgeleitet. Aber das wäre wahrscheinlich längst nicht spannend genug, um zwischen zwei Suhrkamp-Buchdeckel gedruckt zu werden.

Stefan Münker. Emergenz digitaler Öffentlichkeiten im Web 2.0. edition unseld 26. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main (sic!), 2009. – Empfehlenswert ist auch die Aufzeichnung einer öffentlichen Podiumsdiskussion, die mit dem Autor am 3. Mai 2010 bei der Heinrich-Boell-Stiftung zum Thema „Citizen 2.0: Gesellschaftliche Teilhabe im Netz kein Selbstläufer “ veranstaltet worden war.