Soziale Netzwerke ade: Ein Fazit

von schneeschmelze

Eineinhalb Monate nachdem ich Facebook, Twitter und Identi.ca den Rücken gekehrt habe, ist es Zeit, ein Fazit zu ziehen. In einem Wort: Ich vermisse nichts. Die Handvoll Microblogger, die ich gerne gelesen habe, lese ich weiter über RSS. Zu einigen Kontakten habe ich intensiveren Kontakt als vorher per E-Mail. Einige kommentieren Beiträge in meinem Blog (und umgekehrt: Ich kommentiere Beiträge in ihrem Blog). Und manche wollen sich auf diese Plattformen beschränken, was zum Abbruch des Online-Kontakts geführt hat. Es handelt sich dabei um User, die ausschließlich auf geschlossenen Plattformen publizieren. Das lehne ich aber aus grundsätzlichen Erwägungen ab. Ich meine, eine freie Gesellschaft braucht Bürger, die sich zu ihrem Austausch untereinander öffentlicher Kanäle bedienen, und das sind Blogs, Mailinglisten, Usenet und IRC-Kanäle oder auch Jabber.

Meine Beschäftigung mit dem Web 2.0 den sozialen Netzwerken war ein Experiment. Ich glaube, es war die Mühe wert, man muß es ausprobiert haben, um beurteilen zu können, ob man daran teilhaben möchte.

Der Erfolg von Facebook geht meines Erachtens letztlich darauf zurück, daß es eine Art Zuhause im Web anbietet. Alles ist ständig in Bewegung, organisiert sich neu, die User sind flexibel, und ich glaube, Facebook bedient insoweit einen dem entgegengesetzten Wunsch nach „Zusammensein“, nach einer Art Fixpunkt, einem „still point of the turning world“ (so der Name eines Kunstwerks von Mario Merz im Frankfurter MMK, bei dem die Dynamik der Welt durch Schraubzwingen gebändigt und in der Schwebe gehalten werden soll). Bekannte oder Sympathisanten werden an einem Ort versammelt und gleichzeitig gegen den Rest des Webs abgeschottet. Der Teil des Webs, den man wahrnehmen will, wird zudem noch einmal in Facebook abgebildet. Was wiederum die Bindung an die Plattform verstärkt. Dabei handelt es sich keineswegs um eine Art speaker’s corner: Es wird zensiert, was die kuschelige Atmosphäre stören könnte, oder was mit den geschäftlichen Plänen des Betreibers nicht zu vereinbaren ist. Mohammed-Karikaturen gab es nur für kurze Zeit auf Facebook. Mit anderen Worten: Es entsteht eine Art Biedermeier 2.0 sowie ein Abklatsch des „echten“ Webs „da draußen“, das in Gestalt von Relays von RSS-Feeds, die in diesem virtuellen Ghetto mitlaufen, wie ein Zombie auf sogenannten Fanseiten wieder auftaucht. Dadurch entsteht sicherlich auch eine neue Form von Öffentlichkeit, aber es ist eine Öffentlichkeit, die 1. hinter einem Zaun verborgen bleibt, und die 2. zwar jedermann offensteht, aber nur im Austausch gegen die eigenen privaten Daten, mit denen man Facebook füttern muß, das sind die Perlen, die man für die Glasperlen eintauscht, wie es Cem Basman treffend formuliert hatte.

Dieses Versteckspiel ist vermutlich zu einem guten Teil der Angst vor der Öffentlichkeit geschuldet. Das schließe ich aus meinen Beobachtungen im Web 2.0. Der Angst also davor, sich „zu öffentlich“ im Netz zu bewegen und dadurch irgendwelche Nachteile zu erleiden. Diese Haltung ist aber nicht nur katastrophal für die Demokratie und die offene Gesellschaft. Es ist auch alles in allem ganz schlicht ein unwürdiges Schauspiel. Für meinen Namen und für die Inhalte, die ich öffentlich mit anderen teile, brauche ich mich nicht zu schämen, denn ich habe stets sinnvolle Beiträge veröffentlicht. Daraus kann man keinen Nachteil erleiden. Darin zeigt sich mein Interesse an einem möglichst gehaltvollem Austausch und an Diskussion, am Lernen, genauer: am gemeinsamen Lernen in der virtuellen Community. Was könnte es Besseres geben, als geistige Offenheit und soziale Kompetenz, offline wie online? Die Beschränkungen, die mir das proprietäre Web 2.0 auferlegt, erscheinen mir als zu weitgehend, um mir das wirklich zu ermöglichen.

Diaspora könnte ein neuer Ort für einen freieren Austausch werden. Dort soll ein freies soziales Netzwerk entstehen, sozusagen parallel zu Identi.ca als freier Microblogging-Plattform. Das Projekt ist, wie zu hören ist, auf Plan. Hier ist der derzeitige Stand nachzulesen.