Umverteilung von unten nach oben auch bei der Bildung in Hessen

von schneeschmelze

Der Rheingau hat sie hervorgebracht, die European Business School. Vor 20 Jahren, als ich Abitur machte, waren wir zu einem Abend an der EBS in Oestrich-Winkel eingeladen. Walter Leisler-Kiep, von dem man später hörte, daß er schon mal die Übersicht über seine Konten verlieren konnte, hielt dort vor geladenem Publikum einen Vortrag über das „atlantische Bündnis“ am Ende des Kalten Krieges. Die Mauer fiel erst ein Jahr später, und die dekadenten Achtziger, in denen man zum ersten mal so richtig seinen Reichtum zur Schau stellen durfte, dauerten noch an. Wer damals „an der EBS“ studierte, zahlte ca. 6000 DM pro Semester für einen völlig verschulten und geistlosen Studiengang entweder in Betriebswirtschaft oder in Wirtschaftsinformatik, der einschließlich eines Auslandssemesters wahlweise in Frankreich oder in Großbritannien gut fünf Jahre dauerte. Viele BWLer studierten auf Kredit, weil die Absolventen als strebsame und angepaßte Greenhorns aus nachweislich gutbetuchtem Hause schon damals gesucht waren. Mit anderen Worten: Dort wurden diejenigen ausgebildet, die dann später die Wirtschaftskrise herbeigeführt hatten. Als CDU und FDP die Regierung in Hessen von Rot-Grün übernahmen, bekam die EBS folgerichtig den FH-Status verliehen. Und nun kam der dritte Schritt: Während die öffentlichen Hochschulen in Hessen insgesamt 30 Millionen Euro jährlich weniger erhalten, wird der Aufbau eines neuen EBS-Studiengangs für Jura an dem neuen Standort Wiesbaden mit insgesamt 35 Millionen Euro vom Land Hessen und von der Landeshauptstadt Wiesbaden gefördert, schreibt Spiegel Online heute. Die EBS wird sich dann Universität nennen dürfen, und das, obwohl sie mit dem, was eine Universität eigentlich ausmacht, den fachlichen Diskurs, die Offenheit für Alternativen und die Verantwortung für das Gemeinwesen, das sie trägt und dem sie zu dienen hat, überhaupt nichts am Hut hat. Dort wird unter einer Glasglocke studiert, in einem Schloß. Schon damals wußten viele Studenten nicht, wieviel das Semester dort denn koste, denn das bezahlt ja der Papa. Damals fuhr man im schwarzen GTI zum Studieren in den Rheingau. Und schon damals waren die Brötchen, die man nach der lauwarmen Rede des CDU-Granden auf kalten Platten reichte, schon ziemlich vertrocknet. Nachdem wir uns das angeschaut hatten, fuhren wir wieder heim und studierten an öffentlichen Universitäten. Nicht zuletzt aus Gründen des guten Geschmacks und der eigenen Selbstachtung. Aber das Geld fließt von unten nach oben, wie man beim Spiegel liest.