Essen, Innenstadt, Samstag, nachts um halb zwölf

von schneeschmelze

Die Essener Innenstadt ist anonym und charakterlos. Hier könnte überall sein. Allerweltsfassaden. Der Handel und die Stadt sind fest in der Hand der großen Einzelhandelskonzerne. Kein Charme ist vorhanden, nichts Markantes ist zu sehen.

Hier ist es am Samstagabend weitgehend menschenleer. Die Bürgersteige wurden hochgeklappt. Nur wenige Cafés und Restaurants gibt es hier. Erst vor dem Hauptbahnhof wird es plötzlich lebhaft. Polizei und Rettungsdienst sind da, und viele, vorwiegend jüngere Menschen sind unterwegs. Die Bahnsteige und die meisten S-Bahnen sind überfüllt. „Heute ist mein Comeback“, lautet eine Aufschrift auf einem T-Shirt. Ich glaubs, aber der Satz müßte so spät am Abend eher im Perfekt als im Präsens stehen.

Die vielen Reisenden kommen aus Duisburg, von der Loveparade, die dort heute bis in den späten Abend andauerte, obwohl bei einer Panik im Tunnel 21 Teilnehmer starben und viele hundert weitere verletzt wurden. Die Heimkehrer wirken erschöpft, sie sind überwiegend betrunken, manche, ihrem Blick nach zu urteilen, wahrscheinlich auch mit anderen Drogen versorgt. Zurück im Hotelzimmer, schaue ich die Tagesthemen von 22 Uhr. Die Veranstaltung lief stundenlang immer noch weiter, und viele erfuhren dort nicht, was am Nachmittag zuvor passiert war, heißt es. Ich bin froh darüber, daß die Redaktion mir die peinlich hohlen Phrasen der Politiker erspart, die heute von den Presseabteilungen verbreitet wurden.

Als wir zum Bahnhof gingen, wurde in der Essener Innenstadt saubergemacht. Die Männer von den Stadtwerken waren in Orange unterwegs. Mülleimer wurden geleert, Abfall wurde zusammengekehrt. Am Ende bleibt fast nichts übrig.

Bearbeitete Notiz vom 24. Juli 2010. Die Zahlen der Opfer wurden nachträglich auf den Stand vom 28. Juli 2010 geändert.