In Wikipedia schreiben V

von schneeschmelze

Wikipedia habe ich immer als einen riesigen Textkorpus wahrgenommen, an dem aber letztlich nur ein paar hundert Benutzer wirklich ernsthaft schreiben, wie man bisweilen hört. Mal wird er dadurch qualitativ verbessert, mal wird dabei etwas verschlechtert, insoweit besteht eine Art Fließgleichgewicht. Auf den meisten Benutzerseiten stellen sich die Autoren mit „ihren“ Artikeln vor. Ein Bekannter schrieb mir vor kurzem, genau das sei zum Problem geworden. Die Wikipedia-Autoren identifizierten sich viel zu sehr mit ihren Artikeln. Diese Listen seien ein Zeichen für eine gewisse Besitzergreifung, die dem Wiki-Prinzip der gemeinsamen Autorenschaft zuwiderlaufe. Heute las ich eine Begründung zu einem Edit, die das wohl bestätigt. Der Benutzer Julius1990 hat heute einen Edit rückgängiggemacht, durch den dem Artikel zum Frankfurter Städel eine Infobox hinzugefügt worden war. Zur Begründung führte Julius1990 an:

„revert, ich als hauptautor wünsche diese infobox nicht in meinem artikel. sie hat sich nie durchgesetzt und wurde im kunstportal auch recht eindeutig abgelehnt“

Das Possessivpronomen „mein“ (Artikel) sticht hervor. Aus dem Kommentar spricht eine narzißtische Kränkung über die Verschlimmbesserung des „eigenen“ Artikels. Die Rationalisierung, die in der Bezugnahme auf eine Diskussion im Portal Kunst liegt, wirkt eher wie ein Feigenblatt. Stolz und auch ein wenig arrogant wird da ein Claim verteidigt. Ist das schlecht? Ist es ein Übel, wenn ein kompetenter Autor „seinen“ Artikel auch auf diese Weise, mit dieser Begründung pflegt? Ich bin mir, ehrlich gesagt, insoweit nicht sicher. Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob es verwerflich sei, solche Besitzansprüche anzumelden, denn immerhin fühlt sich hier jemand für die Qualität eines Artikels zuständig und tut auch etwas, wenn er eine Verschlechterung bemerkt. Es ist jedenfalls ein Ausschnitt aus den vielen möglichen Motiven, die man haben kann, an der Wikipedia mitzuarbeiten: Der „eigene“ Artikel, den es gegen die Gruppe der Mitautoren zu verteidigen gilt, statt ihn gemeinsam mit ihnen weiterzuschreiben.

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