Ein letzter Text

von schneeschmelze

Christoph Schlingensief ist gestern gestorben. Er wurde 49 Jahre alt, übernächsten Monat wäre sein 50. Geburtstag gewesen. Am 7. August 2010 hatte er nochmal etwas in sein Blog geschrieben, es ist ein Text, der auf mich heute abend so eindringlich wirkt, daß ich ihn zitieren möchte:


07-08-2010- DIE BILDER VERSCHWINDEN AUTOMATISCH UND ÜBERMALEN SICH SO ODER SO ! – „ERINNERN HEISST : VERGESSEN !“ (Da können wir ruhig unbedingt auch mal schlafen!)

Wie lange war es still… lange stiill. stoße jetzt nach ca. 3 wochen auf das letzte video hier. habe ich gleich gelöscht. wen soll das das interessieren? vielleicht sind solche vidoeblogs oder einträgen nur dann von intererrägen, wenn die angst zu gross wird. die angst, weil diese kleine illussion von — aber nun nach den knapp 4 wochen scheint es anderes zu sein. die bilder (ixen) sich aus… da ist ja kein sentimentaler schmerz. die bausupsanz ist erstaunlich gut… und nun? wieder ein neues bild? wieder infos zu neuen dingen, die ,…… ja eigentlich was ?….. alles sehr oberflächlich und rechtschreibefehler häufen sich die dinge …. das baut läufz seit tmc auf. der appetetit läßt rasant nach. – ARD- TATORTREKA7 …(warum werde ich icht nicht denn nicht wenigstes einer meiner halbwegs siution normalererenen situatuin aufgeklärt. so macht es mich nur traurig, piasch und

Schlingensief spielt bis zum Schluß, hier mit seiner nachlassenden Kraft: Die Rechtschreibfehler häuften sich, meint er. Dieser Verrückte war einer der ganz wenigen Ernstzunehmenden für mich, und gerade über diesen Ausdruck würde er sich mokiert haben, aber mir fällt kein besserer ein. Ich habe ihm zugehört. Er hat mir viele Anstöße in die richtige Richtung gegeben über die Jahre. Seine Aufrufe „Tötet Helmut Kohl!“ und „Tötet Jürgen Möllemann!“ haben zugleich provoziert und nachdenklich gemacht. Und seine „Church of fear“ kenne ich gut. Erst gestern nachmittag war ich wieder dort, ach, heute mittag ja auch.

Der Bürgerschreck Schlingensief war wirklich kreativ. Er ist verglüht an seinem eigenen Funkenflug, an dem er sich entzündet hatte. Denn alles um ihn wirkte blaß und grau gegen ihn. Und er hat sich allen Schubladen entzogen. Er war niemals „wie“, sondern er war er selbst. Ich hätte mir sehr gewünscht, daß er noch länger als Künstler hätte arbeiten können. Ich hatte nicht erwartet, daß er so bald schon sterben würde, und das berührt mich heute abend. Alles fällt.

Ich erinnere mich an ein Interview, in dem er von seinem Vater erzählte, mit dem er einen Vortrag von Joseph Beuys besucht habe. Beuys habe vor lauter Unternehmern das Ende des Kapitalismus vorhergesagt, zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sein Vater, erzählte Schlingensief, habe sich noch Jahre später daran erinnern können. Er habe Beuys nicht geglaubt, aber er habe die Jahre gezählt, eine Art Countdown ins Nichts, denn der Kapitalismus hat seitdem zwar ganz sicherlich einen immer weitergehenden Niedergang erlebt, was seine ethische Fundierung und Rechtfertigung angeht, er ist ja immer noch fragwürdiger geworden, aber es gibt ihn weiterhin. Schlingensief hielt diese Wirkung von Beuys‘ Rede und Prophezeihung auf die Unternehmer für ein einziges großes Happening. Gestandene Manager zählen die Jahre bis zum Ende ihres Reichtums und ihrer Macht, und doch kommt es nicht soweit. Zelebrieren ihre Angst vor dem Verlust. Die Angst des Bürgers vor dem Erlöschen des eigentlich viel zu warmen Ofens. Vor dem Ende seiner Ideologie. Schlingensief hat dem Konservativen immer wieder demonstriert, wie vergänglich seine Ordnung ist. Bis zum Schluß.