Stütze statt Knarre

Über die Personalisierung von Themen als ein Mittel der politischen Desinformation hatte ich vor kurzem geschrieben. Dazu gehört, wie dort bereits erwähnt, auch das Drama vom Minister zu Guttenberg, der gegen seine eigene Partei die Bundeswehr gesundschrumpft. Aber die Diskussion um „die Wehrpflicht“, die seit gestern in den Mainstream-Medien veranstaltet wird, ist schon klasse aufgezogen worden. Natürlich geht es beim „Aussetzen“ der Wehrpflicht (man läßt sie im Grundgesetz stehen, beruft aber niemand mehr ein und baut gleichzeitig den ganzen Apparat ab) nicht ums Einsparen von ein paar Milliarden Euro. Dazu ist es zu wenig, deshalb kann das kein hinreichender Grund sein. Die Wehrpflicht war eben in erster Linie ein arbeitsmarktpolitisches Instrument, das mittlerweile einfach zu teuer geworden ist. Hartz IV ist billiger. Und die Kriegführung ist auch schon längst so kompliziert geworden, daß ein paar Monate Grundwehrdienst nicht mehr zur Ausbildung ausreichen. Deshalb fällt sie weg, die Wehrpflicht. Endlich. Ersatzlos. Ein Anrufer in der Sendung 2254 auf DeutschlandRadio Kultur schlug gestern abend vor, vernünftigerweise sollten die deutschen Unternehmer die Kriegführung bezahlen, nicht der Steuerzahler. Sein Anruf kam ganz zu Beginn der Sendung. Im weiteren Verlauf konnte man sehen, wie gut die Desinformtion das Denken der meisten Bürger schon vernebelt hat. Daß mit der Wehrpflicht auch der Zivildienst verschwindet, ist eine weitere Sache. Auch dieser Teil des Sozialwesens wird abgebaut. Ein-Euro-Jobber sind billiger als Zivis. Die sogenannte Bürgerarbeit wird ihr übriges tun, um dem Oligopol der Sozialverbände, die den Pflege- und Krankenbereich untereinander aufgeteilt haben, weiterhin die billigen Arbeitskräfte zuzuführen.

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14 Kommentare zu „Stütze statt Knarre“

  1. Und u.U. kommt noch die Auslagerung von Aufgaben auf private „Dienstleister“ a la Blackwater hinzu – mit allen finanziellen und rechtlichen Konsequenzen.

  2. >Die Wehrpflicht war eben in erster Linie ein arbeitsmarktpolitisches Instrument, das mittlerweile einfach zu teuer geworden ist. Hartz IV ist billiger. Und die Kriegführung ist auch schon längst so kompliziert geworden, daß ein paar Monate Grundwehrdienst nicht mehr zur Ausbildung ausreichen. Deshalb fällt sie weg, die Wehrpflicht. Endlich.

    In den USA ist man ja einen Schritt weiter, sprich dort schickt man das prekäre Klientel mit eine unzureichenden Ausbildung in den Krieg und rechnet bewußt mit einem gewissen Anteil an bodycount.

  3. Nicht nur das. In den USA wird auch offen ausgesprochen, daß sie dort Gefängnisse anstelle eines Sozialwesens gebaut haben. Allerdings wurden vor kurzem die Voraussetzungen geändert, unter denen die Veteranen Versorgungsansprüche wegen posttraumatischer Belastungsstörungen erhalten können. Bisher gab es nur Leistungen, wenn jemand in einer Schlacht traumatisiert worden war. Es soll auf Obama zurückgehen, daß es nun auch einen Versorgungsanspruch nach sonstigen Belastungen gibt, wenn die dementsprechenden Symptome vorhanden sind.

  4. Die Rekruten für das US-Militär verfügen über einen höheren Bildungsstand als der Durchschnitt der Bevölkerung (90 % High School Abschluss vs. 75 %). Sie kommen überwiegend aus der traditionellen Mittelschicht.

    Rekruten aus Haushalten mit mittlerem Einkommen sind deutlich überrepräsentiert. (Fast) ihrem Anteil an der Bevölkerung entsprechend repräsentiert sind Rekruten aus reichen Haushalten, am deutlichsten unterrepräsentiert – und dies überrascht – sind Rekruten aus armen Haushalten.

    Regional kommen die Rekruten überdurchschnittlich oft aus dem ländlichen Süden (dort hat der Militärdienst eine lange Tradition), weniger aus den Großstädten.

    Interessant ist auch, dass unter den Gefallenen des Irak-Krieges (die Zahlen beziehen sich auf den Zeitraum bis Ende 2005) unterdurchschnittlich viele schwarze Soldaten waren (17 % Anteil am Personalbestand und 11 % Anteil bei den Gefallenen).

  5. Ich betrachte jene mit einem Highschool-Abschluß nicht als dumm, aber „Realschul-Niveau“ en masse, ohne weitere Bildung ist nicht viel Wert in den Staaten oder auch hierzulande. Mit dem Abitur kann ich in der Regel die ersten beiden Jahre eines Colleges überspringen. Das Bildungssystem selbst dort, ist seit langem in der Kritik, da völlig unzureichend, um selbst nur Grundlagen zu vermitteln.

    Aber wenn man natürlich die Highschool als Marke zum Mittelstand zieht, obwohl selbst der inflationäre Charakter des College Degrees dort inzwischen keine Flucht mehr aus prekären Verhältnissen garantiert, dann ist dies wohl korrekt.

    http://www.heritage.org/research/reports/2006/10/who-are-the-recruits-the-demographic-characteristics-of-us-military-enlistment-2003-2005

    Das einzige Problem, welches die US-Army sieht, ist der stetig sinkende gesundheitliche Zustand des „Nachwuchses“.

    Aber letztendlich ist ein Schulabschluß und sei er auch noch so gering, kein Garant für „Intelligenz“:

    http://motherjones.com/mojo/2008/04/us-army-marines-recruiting-best-and-brightest

    Wenn man nun „jeden“ nimmt, dazu die Zahlen schönt …

  6. „Best and brightest“ Kanonenfutter … 😦

    Zwei Bekannte erzählten unlängst von ihrer Zeit in den USA. Es ist kaum vorstellbar, mit welchen Ansichten man sich dort auseinanderzusetzen hat. Vor allem auch der ganz offene Antisemitismus hatte beide überrascht. So einer wie Sarrazin (heute nachmittag las ich in seinem roten Buch, das derzeit beim Frankfurter Hugendubel da steht, wo zu Weihnachten das grüne Buch von Schirrmacher stand) wäre dort eine völlig normale Erscheinung und niemand würde sich an ihm reiben.

    Wenn man sich zu dem ganzen nun noch eine Uniform hinzudenkt …

  7. Bei diesen Rekruten handelt es sich um Bewerber für die „enlisted“-Laufbahn (Mannschaften und Unteroffiziere). Hier wird man sicher keine unrealistischen Bildungsanforderungen stellen dürfen.

    Übrigens können Bewerber für das US-Militär grundsätzlich ihr künftiges Betätigungsfeld vor der Einstellung in den Dienst mit einiger Genauigkeit festlegen; welche Spezialisierungsmöglichkeiten offen stehen hängt u. a. von dem Ausgang eines Tests (ASVAB) ab. Dieser Test ist durchaus nicht trivial (vgl. z. B. http://www.official-asvab.com/samples_app.htm ). Ich will nicht wissen, wieviele deutsche Abiturienten sich daran die Zähne ausbeißen würden.

  8. Andererseits erinnert man sich an die Comics, die in den Führungsständen für ballistische Atomraketen ausliegen, um sicherzustellen, daß auch ein Analphabet die Rakete abschießen kann, wenn das rote Telephon mal klingeln sollte. Also, Wolfgang, die Möglichkeit, daß es sich bei der US-Armee genaugenommen um eine Versammlung der fähigsten Geister Amerikas handelt, würde ich eher für gewagt halten.

  9. Jürgen, es sind Unmengen von wirklich absurden urban legends über die USA im Umlauf, welche hierzulande von wirklich gescheiten Leuten kritiklos geschluckt werden.

    Dass mit dem Comic kannst Du aber unmöglich ernst gemeint haben. Bei Arte lief mal eine Dokumentation über die Ausbildung der Luftwaffenoffiziere, die in den Atomsilos an den bewussten Schaltern Dienst tun. Glaube mir, es sind keine Analphabeten.

  10. Ist keine Legende. Die Comics wurden in den 80ern der Friedensbewegung zugespielt, als die Pershing-Raketen stationiert wurden.

  11. Aber das kann doch gar nicht stimmen. Überlege doch mal, was für ein hoch-komplexes Waffensystem eine Pershing-Rakete war:

    http://en.wikipedia.org/wiki/MGM-31_Pershing

    Wie kann man denn ernsthaft glauben, dass so ein Waffensystem von Analphabeten bedient werden kann?

    Vielleicht hat es in einer Pershing-Batterie tatsächlich Leute mit Lese- und Rechtschreibschwäche gegeben, die haben aber in der Kantine der Einheit an der Friteuse gestanden.

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