Krieg 1968/2010

Es lohnt sich, in alten Zeitungen zu lesen und das dort Gefundene mit der heutigen Berichterstattung zu vergleichen. Zum Beispiel die Artikel der Zeitungen zum Vietnamkrieg und die Texte und Bilder, die man heute in deutschen Zeitungen zu Irak und Afghanistan so vorfindet. Im Februar 1968 wurde eingehend über einzelne Gefechte berichtet, mit so vielen Details, daß man zweifeln möchte, ob das denn eine Redaktion alles so genau wissen könne, zumal auf der anderen Seite der Welt. Ein vietnamesischer General, an den sich heute kaum noch jemand erinnern wird, wurde durchgehend namentlich genannt. Ich muß mich selbst erst einmal in den alten Texten zurechtfinden. Es geht um den Beginn der sogenannten Tet-Offensive. Nur „Ledernacken“ konnten es mit „dem Vietcong“ aufnehmen, lese ich. Die amerikanische Botschaft sei aus Beton für 10,4 Millionen Mark als Festung errichtet worden. Es muß ein Vermögen gewesen sein, damals. Die Marines seien von Hubschraubern aus auf dem Dach der beschädigten Botschaft abgesetzt worden. Und in einem Leitartikel verglich der Economist den vietnamesischen General gar mit dem Deutschen Erwin Rommel und zieht Parallelen zum Verlauf des zweiten Weltkriegs. Schlachten, Männer, Strategien. Eine sehr männliche Sicht der Dinge. So etwas Anschauliches kann man zwar auch heute noch in der Hamburger Zeitschrift lesen. Was heute aber gänzlich fehlt, sind die vielen Bilder von den Opfern. Der Spiegel zeigt uns auf der gerade zitierten Seite heute nur noch Bilder von Soldaten, photographisch ästhetisch in Szene gesetzt, für die Amerikaner Partei ergreifend, mit Panzerfaust vor dem dunklblauen Himmel. Dem afghanischen Jungen reichen sie etwas Nettes, ist es Schokolade? Das ist ein gängiger Topos in solchen Geschichten. Auch meine Mutter erzählte mir von amerikanischen Soldaten, die den Kindern Schokolade schenkten, als sie 1945 in Deutschland einmarschierten. Das Kind lacht die netten, martialisch gekleideten Männer an und freut sich darüber. Nicht alles ist gestellt, ich glaube, daß es solche Gesten gegeben hat und geben wird, aber dieses Bild ist ganz sicherlich inszeniert. Die Times vom 5. Februar 1968 dagegen zeigt auf Seite eins gleich oben links ein kleines Photo von einem am Boden kauernden Mädchen mit der Bildunterschrift: „A child in the wreckage of her home in Saigon.“ Warum halte ich es für unverstellt, für echt?

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5 Kommentare zu „Krieg 1968/2010“

  1. Ein sehr interessanter Beitrag, zu dem ich bei Gelegenheit vielleicht noch mehr schreibe.

    Zum Thema Schokolade: Das berichtete auch meine Mutter (seinerzeit ein Kind von 13 Jahren) zu ihren Erinnerungen, als amerikanische Truppen in ihr Dorf in Nordhessen einmarschierten. Sie durfte die Schokolade allerdings nicht essen, die Eltern (meine Großeltern ) meinten, die Schokolade sei auf jeden Fall vergiftet.

  2. Nun, die Schokolade, die die amerikanischen Soldaten in 1945 Neu-Isenburg verteilt hatten, schmeckte den Kindern gut und war nicht vergiftet. Allerdings hatten sie Angst vor den fremden Männern, die mitten auf der Hauptstraße eine Feldküche aufgebaut hatten, was ein etwas merkwürdiger Anblick gewesen sein muß, auch in der fast vollständig zerstörten kleinen Stadt.

    Und noch ein Nachtrag: Auf Seite 8 derselben Ausgabe der Times (5. Februar 1968) wird ausführlich über eine Blutspendeaktion in London berichtet. Etwa dreihundert Londoner hätten dort Blut gespendet, das zur weiteren Verarbeitung nach Ostberlin gebracht worden sei. „Eine polnische Fluglinie“ habe es dann kostenlos nach Nordvietnam geflogen. Mehr als eine Million vietnamesische Kinder seien bis dahin im Krieg verletzt oder getötet worden. Das Kommitee, das diese Aktion veranstaltete, habe auch Milchpulver sowie spezielle Tarnkleidung für Kinder bereitgestellt und nach Vietnam geschickt. Die Universität Sussex habe 2250 Pfund für medizinische Hilfe gespendet.

    Das bekannt gewordene Photo von der Exekution eines Vietkong-Offiziers war auf der ersten Seite der Times vom 2. Februar 1968 abgebildet.

  3. Wobei mir auffällt, dass es da auch große Unterschiede zwischen amerikanischen und deutschen Zeitungen gibt und Websites gibt. Die deutschen kommen mir viel abstrakter, viel weiter weg, viel weiter in Gemeinplätzen verfangen, während ich bei Amerikanern deutlich mehr den Eindruck habe, sie sind dabei, am Boden, und je nach Quelle gibt es sogar Opfer zu sehen. Aber vermutlich wäre das für Deutsche alles vielzuviel.

  4. Ja. Beispielhaft finde ich diese Reportage aus der New York Times vom vergangenen Oktober über den Krieg, in den die Bundeswehr in Afghanistan verwickelt ist. Sätze wie: „Forced to confront the rising insurgency in once peaceful northern Afghanistan, the German Army is engaged in sustained and bloody ground combat for the first time since World War II.| Soldiers near the northern city of Kunduz have had to strike back against an increasingly fierce campaign by Taliban insurgents, while carrying the burden of being among the first units to break the German taboo against military combat abroad that arose after the Nazi era“ usw. könnte ich mir in einer deutschen Zeitung nicht vorstellen.

  5. Die Spiegel-Journalisten im Jahr 1968 dürften in den mittleren Lebensjahren gewesen sein und haben vermutlich den Zweiten Weltkrieg selbst noch als Soldat erlebt. Sie schrieben für Leser mit einem vergleichbaren Hintergrund. Der Autor beschreibt folglich die Ereignisse mit Begriffen, die uns heute fremd vorkommen (z. B. die „Garben ihrer Maschinenpistolen“, wer weiß heute noch, was ein Garbe ist?).

    Auch sonst ist die Schilderung darum bemüht, nüchtern das militärisch-fachliche zu berichten; sie verzichtet dabei aber auch nicht auf Landser-Jargon (Etappensoldat, Ledernacken).

    Die Berichterstattung in deutschen Medien im Jahr 2010 etwa über den Krieg in Afghanistan empfinde ich auch als merkwürdig blutleer. Als würde man sich sträuben, das Kriegsgeschehen sachlich schildern zu müssen, stattdessen reflektiert man lieber allgemein über die Gesamtsituation. Wer sich in Deutschland über den Krieg in Afghanistan im einzelnen unterrichten möchte, muss auf englischsprachige Quellen zurückgreifen (etwa das Blog „Long War Journal“).

    Zur Tet-Offensive aus heutiger Sicht könnte man anmerken, dass der Sieger (die Nordvietnamesen) hier die Geschichte schreibt. Der amerikanische Oberkommandierende Westmoreland würdigte nach dem Krieg sein Gegenüber General Giap als hervorragenden Theoretiker und Praktiker der Guerillakriegsführung. Aber die Rücksichtslosigkeit, mit der er eigene Menschenleben opferte, ist für westliche Massstäbe unvorstellbar. Rechtfertigen musste sich Giap freilich deswegen nie, auch nicht für Massaker wie z. B. in Hue (mit Tausenden von Opfern). Hingegen ist das amerikanische Massaker von My Lai heute ein feststehender Begriff.

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