Eine Enzyklopädie als nicht-akademisches Projekt? [Update]

Die Unterschiede sind fein: Wikipedia, so heißt es mitunter, sei keine Enzyklopädie, sondern ein Projekt zum Aufbau einer ebensolchen. Es gibt ganz sicherlich kein Projekt aus dem Web 2.0, das so gut erforscht worden ist wie die Wikipedia, allen voran die englisch- und die deutschsprachige Version. Mehrere hundert veröffentlichte Arbeiten sprechen für sich. Auf Zotero gibt es eine eigene Gruppe zum Thema, und auf den Projektseiten werden die Literaturlisten und die Pressespiegel immer länger.

Nun sollte man meinen, das Schreiben an einer Enzyklopädie wäre mit Naturnotwendigkeit ein akademisches Projekt. Auch die Soziologen bestätigen: Wikipedianer sind tatsächlich ganz mehrheitlich studierte Zeitgenossen. Und nun haben sie am vergangenen Wochenende in Leipzig eine wissenschaftliche Tagung veranstaltet, die auch in den Massenmedien beachtet worden ist: Anstelle des „NPOV“ wurde der „CPOV“, der „critical point of view“ gesetzt, und alle, die sich in der neueren Zeit mit Wikipedia im deutschen Sprachraum beschäftigt hatten, kamen. Was sie dort diskutierten, war nicht immer schmeichelhaft, vor allem aber ist wohl das Aufeinandertreffen von Sozialwissenschaft und Community ziemlich gründlich mißlungen, wenn man den Bericht des Schweizer Wikipedia-Forschers und Historikers Peter Haber liest:

„Die mangelnde Dialogbereitschaft der Wikipedianer mit der Wissenschaft hat sich aber nicht nur im Niveau, sondern auch in einem grundlegenden Abwehrreflex wissenschaftlichen Argumentationsweisen gegenüber gezeigt. So gab es in den Diskussionen wie auch in den Tweets und Blogposts hauptsächlich zwei Reaktionstypen: Entweder, dass der Beitrag zu wenig mit Wikipedia zu tun habe oder aber dass er nichts Neues bringe.

Was übersetzt bedeutet: Was zum Wikipedia-Diskurs gehört, bestimmen wir, und das, was wirklich mit Wikipedia zu tun hat, das kennen wir alles schon. Oder noch einfacher: Wir wissen, was wir zu wissen brauchen, und der Rest interessiert uns nicht. Also lasst uns doch in Ruhe.

Vielleicht ist dies ja ein verständlicher Reflex von Beforschten den Beforschenden gegenüber, in der Sache bedeutet dies aber, dass der eigentlich sehr notwendige Dialog der Wikipedisten mit den Wikipedianern weiterhin schwierig bleibt.“

Zu Denken gibt mir gerade diese Zweiteilung von Wissenschaft und Community, die aus Habers Beitrag spricht. Hören die ach so studierten Wikipedianer auf, Wissenschaftler zu sein, wenn sie es mit den Ethnologen ihrer selbst zu tun haben, also just wenn es um die Reflexion ihres eigenen Projekts gehen soll? Oder schon wenn sie vom bürgerlichen Akademiker zum coolen Wikipedianer werden? Liegt es daran, daß immer wieder Äußerungen fallen wie: „Wikipedia ist keine wissenschaftliche Quelle und will das auch nicht werden“? Wissen ohne Wissenschaft? Diese Dichotomie ist heute tatsächlich in einem Blogbeitrag gezeichnet worden. Oder lag es schlicht daran, daß hier wissenschaftliche Kulturen aufeinandergeprallt sind, die wenig miteinander anfangen konnten? Hier die positivistischen Naturwissenschaftler und Techniker, dort die verstehenden, geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer?

Fest steht: Wenn die Wikipedia nicht wissenschaftlich fundierter wird, sorgt sie nicht nur dafür, langfristig nicht ernst genommen zu werden, sie macht es konkurrierenden Projekten auch sehr leicht, sie eines Tages wieder zu verdrängen.

Bin sehr gespannt auf die Aufzeichnungen von der Tagung, die bald als Video online gestellt werden sollen. Bis dahin gibts vorerst nur Photos auf Flickr [Update 28. September 2010: und auf Commons. Lesenswert ist auch Ziko van Dijks Bericht von der Tagung.]

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3 Kommentare zu „Eine Enzyklopädie als nicht-akademisches Projekt? [Update]“

  1. Sie schreiben: „„Wikipedia ist keine wissenschaftliche Quelle und will das auch nicht werden“? Wissen ohne Wissenschaft? Diese Dichotomie ist heute tatsächlich in einem Blogbeitrag gezeichnet worden.“

    Als Autor des genannten Blogs erstaunt mich, wie Sie von der von mir intendierten Botschaft in der Blog-Meldung auf obig zitierte Aussage kommen. Dieses Thema wurde in meinem Blog-Beitrag nicht einmal am Rande angeschnitten – obwohl es ein spannendes Thema wäre. Meine Meinung dazu: Prinzipiell ist die Wikipedia eine Weiterentwicklung einer allgemeinen Enzyklopädie und als solche fasst sie Informationen von anderen Quellen zusammen – die sie im Unterschied zu herkömmlichen Enzyklopädien oft nennt. Meist sind diese anderen Quellen eine geeignetere Grundlage zur wissenschaftlichen Zitation; die Wikipedia kann also rein aufgrund ihres enzyklopädischen Charakters seltener zur wissenschaftlichen Zitation genutzt werden. Trotzdem sind die Wikipedia-Autoren natürlich bestrebt, die Wikipedia zu einem qualitativ möglichst hochwertigen Produkt reifen zu lassen.

    Um auf den Inhalt meines Blog-Beitrages zurückzukehren: Ich bewege mich sowohl in der akademischen Kultur als auch in der Wikipedia-Kultur. Selbstverständlich sind viele Wikipedia-Autoren ebenfalls Akademiker – die Streitkultur, die Produktionskultur etc. unterscheiden sich meiner Beobachtung nach aber klar. Das mag – so vermute ich – daran liegen, dass in der Wikipedia an gemeinsamen Inhalten gearbeitet wird, während in der akademischen Welt, einzelne Forscher resp. Forschergruppen an gesonderten Produkten arbeiten und sich weniger stark zu einem gemeinsamen Inhalt zusammenraufen müssen – obwohl es selbstverständlich auch dort zu intensiven inhaltlichen Diskursen kommt.

  2. Nun, ich war auf die vier Gliederunspunkte am Ende Deines Blogbeitrags eingegangen, wo Du Akademiker den Wikipedianern gegenüberstellst, und das sind doch zwei Gruppen, die, so sagen es uns die Wikipedisten immer wieder, weitestgehend deckungsgleich sind — oder doch nicht?

    Ich bin ja auch seit gut sechs Jahren bei Wikipedia an Bord, seit 2005 als angemeldeter Benutzer. Die Beschreibungen, die Peter Haber und Christian Stegbauer von Wikipedia gegeben haben, scheinen mir die derzeit besten Charakterisierungen des Projekts zu sein. Und ich glaube, daß sich an der Frage, wie die Wikipedia mit der Wissenschaft umgeht, eigentlich alles entscheiden wird in den nächsten Jahren. Die kommerzielle Konkurrenz steht auf standby, falls es nicht gelingt, die Qualität auf ganzer Breite erheblich zu verbessern.

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