Die soziale Mauer II

Die langanhaltenden Demonstrationen gegen den Umbau des Stuttgarter Bahnhofs zu „Stuttgart 21“ machen nachdenklich. Ehrlich gesagt, verstehe ich den ganzen Aufstand nicht. Der Anlaß ist lächerlich. Das Anliegen der Demonstranten ist ein konservatives. Es gibt so viele soziale Ungerechtigkeiten, wegen derer keiner dieser Spießbürger je auf die Straße gehen würde. Das soll „Widerstand“ sein? Einen eindringlicheren Beweis für die soziale Mauer zwischen Arm und Reich, die die Gesellschaft derzeit teilt, gibt es nicht, als diesen.

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8 Kommentare zu „Die soziale Mauer II“

  1. Pingback: S21 II | akephalos
  2. Sie übersehen den Aspekt der Demokratie… . Die Leute gehen auf die Straße weil die Demokratie von den zurzeitigen Politikern mit den Füßen getreten wird.
    Sie reden von Arm und Reich aber übersehen diesen. Das gibt mir echt zu Bedenken.

  3. Es ist, meine ich, ein gutes Zeichen, wenn Ihnen mein Aperçu zu denken gegeben hat. Die politische Linke wünscht sich eine aktive demokratische Teilhabe der Bürger, die sich eben auch in Demonstrationen ausdrücken würde. Es ist aber ein völlig unbegründetes Wunschdenken zu meinen, daß man damit auch soziale Belange geregelt bekäme. Niemand geht für den Hartz-IV-Bedürftigen von nebenan oder für das Grundrecht auf Asyl oder für seine eigene Rente auf die Straße in Deutschand. Solche Demonstrationen kennt man nur aus Frankreich. Es ist ein ähnliches Problem wie mit den Online-Petitionen, die wir im vergangenen Jahr hatten, und nicht umsonst hat Oliver heute insoweit auch auf die Bezüge zur sozialen Blindheit der Piratenpartei hingewiesen, über die ich schon länger geschrieben hatte. Die Partei ist ja zum Glück mittlerweile so gut wie bedeutungslos geworden. Bei den Online-Petitionen auf bundestag.de ebenso wie bei S21 sind die Spießbürger unter sich, und damit auch eine bräsige Ideologie, die weiter von Aufklärung nicht entfernt sein könnte. Daraus wird keine fortschrittliche demokratische Teilhabe erwachsen. Die Teilnehmer sonnen sich nun darin, von den Grünen und von der SPD gelobt zu werden, dabei ist das nur ziemlich billiger Populismus.

  4. Ob es sich bei den „Stuttgart 21“-Protestierenden wirklich in größerem Umfang um „Konservative“ handelt wage ich zu bezweifeln. Sicherlich sah man in den Fernsehbildern viele Leute, die offensichtlich nicht zum traditionellen Demo-Personal gehören – man hörte sogar von Zeitgenossen, die sich als CDU-Anhänger outeten.

    Aber im wesentlichen dürfte es sich um Grünen-Anhänger handeln, und die Grünen sind bekanntlich die Partei, deren Anhänger zu den Betuchten gehören (noch vor den FDP-Sympathisanten, wie Untersuchungen schon vor Jahren ergeben haben). Die Leute, die vor 20 oder 30 Jahren gegen die Startbahn West oder Wackersdorf protestiert haben sind mittlerweile durchschnittlich im öffentlichen Dienst bei Besoldungsstufe A 15 angelangt und in der midlife crisis bzw. schon darüber hinaus.

    Somit erleben wir die bizarre Situation, dass Grüne den Bau eines Bahnhofs(!) blockieren, von dem nicht zuletzt auch sozial Schwächere profitieren würden.

  5. @ed2murrow: Danke sehr für das Zitat in der Freitag Community und für für Ihre Anmerkungen dort. Ich glaube, ich habe in meinem Blog hinreichend begründet, warum ich nicht mehr beim Freitag schreibe. Ich fühle mich beim Blättchen, dem ich noch viel mehr Leser wünsche, gut aufgehoben, fühle mich aber auch anderen Bloggern nahe, die mittlerweile fast allesamt außerhalb der Freitag Community schreiben, was seinen guten Grund hat.

  6. „Das Anliegen der Demonstranten ist ein konservatives.“

    Dies halte ich fuer ein Missverstaendnis. Das Anliegen, den Bahnhof und Schienenverkehr um Stuttgart anders zu modernisieren, ist keine reine Verweigerungshaltung.

    Es sind oft Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Gruenden begonnen haben, sich zu informieren, hinter die Kulissen zu schauen, und dabei so allerhand Unschoenes entdeckt haben. Das ist zunaechst einmal eine Politisierung von Menschen, die zuvor doch eher vertrauten, „dass es alles schon seine Richtigkeit haben wird“. Welchen Effekt das langfristig hat, wird man sehen – wer einmal anfaengt, nachzufragen, stellt oft fest: „facts have a liberal bias“ (‚liberal‘ im amerikanischen Sinne) Also wer weiss, wie das den herbeizitierten Spiessbuerger zumindest ein klein wenig veraendert.

    Zumindest aber ist der Protest ganz offenkundig nicht konservativ in dem Sinne, dass er gegen die lange etablierten Interessensgruppen und Seilschaften geht, die es seit Jahrzehnten gewohnt sind zu bestimmen, wo’s langgeht.

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