Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse 2010

von schneeschmelze

Frankfurter Buchmesse 2010Sie fand doch statt, die Buchmesse. Es war kein bloßes Gerücht. Aber nach den Vorarbeiten von Alf Haubitz war ich doch gespannt, was mich diesmal erwarten würde, als ich mich auf den Weg nach Frankfurt machte.

Es war schon mal voller, meine ich, aber vielleicht gewöhne ich mich auch nur an die Menschenmenge, die sich durch die Hallen schiebt. Deutlichere Polizeipräsenz als früher, aber weniger als im vergangenen Jahr.

Jeder Besuch auf der Messe ist anders als die vorhergehenden, weil ich die Hallen in einer anderen Reihenfolge besuche. Dabei bemerke ich, daß es mir durch die Jahre immer besser gelingt, das Medium „Buchmesse“ meinen Interessen gemäß zu nutzen.

Diesmal begann ich in der angelsächsischen Halle 8, weil ich dort den Stand von Google besuchen wollte, um gleich zu Beginn die rhetorische Frage loszuwerden: „What is a search engine company like Google doing on a book fair?“ Die Antwort des dunkel beanzugten Mitarbeiters, der mich mit einem beherzten amerikanischen „Hi!“ begrüßte, war, Google sei gekommen, um Verträge zu schließen mit Verlagen, die ihre Bücher für Google Books freigeben möchten. Das darauffolgende etwa eine Dreiviertelstunde dauernde Gespräch gehörte dann tatsächlich zu den Höhepunkten meiner bisherigen Messebesuche, denn die rhetorischen Figuren, mit denen nun versucht wurde, mich davon zu überzeugen, daß man mit Google Books kein Geld verdienen könne, erinnerten eher an ein Scientology-Teach-In als an eine vernünftige Unterhaltung. Microsoft habe ein ähnliches Projekt seinerzeit abgebrochen, weil es ihnen zu teuer geworden sei und weil die Aussicht auf Einnahmen daraus eher zweifelhaft war, Google aber tue das alles als Dienst für die Allgemeinheit, weil nur so die ungeheuren Textmengen der gedruckt vorliegenden Literatur durchsuchbar gemacht werden könnten. Man wolle nicht nur das Internet in seine Suchmaschine einstellen, sondern auch den ganzen gedruckten Bestand an Büchern und Zeitschriften. Wir Europäer, und vor allem wir Deutschen, sähen das alles überhaupt viel zu eng und geradezu falsch. Google baue hier mit seiner Sammlung an Scans kein Monopol auf. Mein Hinweis auf die bevorstehende Deutsche Digitale Bibliothek und darauf, daß die europäischen Staaten hier mit dem Einsatz von vielen Millionen Euro eine öffentliche Konkurrenz schüfen, gehe fehl. Der Monopolist erklärte geradeheraus, er verstehe überhaupt nicht, warum die Europäer immer überall eine Konkurrenz haben wollten, die Bücher seien doch gemeinfrei (wir verwendeten beide den deutschen Begriff). Und mit meinem Hinweis, man hantiere hier mit sehr wertvollen Kulturgütern, konnte er erwartungsgemäß gar nichts anfangen. Das seien keine gems, keine ökonomischen Güter, sondern schlicht Texte, die man durchsuchen könne, wie andere Texte auch. Google wolle den Autoren dabei behilflich sein, von den Lesern gefunden zu werden, man sei eine Art Makler für Informationen (agent). Und bei den Suchergebnissen orientiere man sich an den Bedürfnissen der Benutzer. Wenn Google Cookies einsetze, so interessiere man sich nicht für mich persönlich, sondern ausschließlich für mein Verhalten als Konsument, um die Suchergebnisse, die man mir ausgebe, immer noch weiter an meinen Bedürfnissen ausrichten zu können und noch weiter zu optimieren. Sehr schön war dann die praktische Vorführung mit den typischen Google SERPs (den Begriff kannte er nicht): Bei jeder Eingabe des Begriffs „hamburg germany“ auf dem Client des Mitarbeiters kam ein im einzelnen völlig anderes Ranking der Suchergebnisse zustande, mit folgenden Ausnahmen: An erster Stelle wurden Nachrichten über „hamburg germany“ angeboten, an zweiter Stelle stand der Artikel zu Hamburg in Wikipedia, dann folgte ein Hinweis auf Bilder von und zum Suchbegriff, und dann kamen ausschließlich Treffer zur Tourismuswerbung. Außerdem noch einmal eine Handvoll Werbeanzeigen in der Spalte rechts neben der Suchtrefferliste (wird bei mir wegen dem Einsatz von Adblock schon lange nicht angezeigt). In dem Umstand, daß die Suche jedesmal ein anderes Ergebnis liefere, nur das Schema der Treffer bleibt grundsätzlich das gleiche, könne er kein Problem erkennen, denn wir lebten nun einmal in einer dynamischen Welt. Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Am Stand von Springer stellte ich dann Fragen zur Datenbank SpringerLink. Man steige immer mehr von gedruckten auf Online-Quellen um. Die USA seien insoweit Vorreiter, die Europäer sträubten sich aber noch mehrheitlich dagegen, Online und Print als gleichwertig anzusehen. Und vor allem die wirtschaftswissenschaftlichen Autoren weigerten sich in vielen Fällen noch, das Recht zur Online-Verwertung ihrer Bücher zu erteilen. Interessant fand ich auch die Reaktion auf meine ausdrücklichen Fragen zur Verwendung von URLs auf SpringerLink in Wikipedia. Das diesbezügliche Engagement der Mitarbeiterin zeigt sehr deutlich, daß man Wikipedia als Multiplikator für wissenschaftliche Literatur bei den Verlagen ernst nimmt; man möchte zitiert werden. Im Gegenzug wünschte ich mir natürlich möglichst viele Open-Access-Angebote, weil nur dann ein Zitat auch abseits von einem Bibliothekszugang sinnvoll ist. Übrigens blieben die URLs zu einer Quelle in SpringerLink sehr wahrscheinlich langfristig stabil. Das gelte aber nicht für neue Lehrbücher, die nur teilweise frei lesbar sind. Solche „Appetithappen“ könnten jederzeit wieder zurückgezogen werden — obwohl sie beispielsweise auch im SWB-Katalog als Onlinequellen nachgewiesen werden, so war ich darauf aufmerksam geworden. Gleiches gelte für die Bücher, die zur Werbung bei Google Books eingestellt worden sind. In diesem Fall liege Google der Volltext vor, aus dem ein Auszug von 20 Seiten suchbegriffsabhängig frei angezeigt werde. Dabei handele es sich um Leseproben zu Werbezwecken, die jederzeit wieder aus dem Netz verschwinden könnten.

Auch bei C.H.Beck wurde ich sehr bald auf das Angebot „beck online“ hingewiesen. Dort gebe es mittlerweile auch Online-Kommentare, die vierteljährlich aktualisiert würden. Von zwei strafrechtlichen Titeln hätten sie nun auch gedruckte Ausgaben herausgebracht, die sich gut verkauften (zum Preis von immerhin gut 150 Euro). Ich finde weiterhin, gerade nach meinem Juris-Test, daß Online völlig überteuert angeboten wird. Dabei ist bezeichnend, daß die Datenbankanbieter von ihren Kosten her argumentieren — ich aber auch. Die Datenbanklösung soll aus meiner Sicht nicht billiger sein, um attraktiv zu sein, sie soll aber auch nicht teurer werden als die Print-Lösung. Der Preisverfall ist allen Beteuerungen der Anbieter zum Trotz jedoch absehbar; der Erich Schmidt Verlag hat die Preise für den Online-Verkauf von Aufsätzen aus seinen Zeitschriften seit dem letzten Jahr schon halbiert, ohne dadurch notleidend zu werden. Was das wissenschaftliche Lehrbuchprogramm von Beck angeht, so siecht es weiterhin vor sich hin. Lorenz hat die Kurz-Lehrbücher von Medicus übernommen, beim Schwab/Prütting wurde der Schwab nun endlich auch weggelassen, und mit der Übernahme des Lehrbuchsortiments von Wolters-Kluwer erscheinen nun auch diese Bücher (auch unter altem Reihennamen „Academia iuris“) bei Beck. Die verkaufen sich wohl gut? Zumindest der Medicus? — „Sie kennen die Zahlen?“ Die Studenten läsen fast nur noch Skripten. Lehrbücher würden kaum noch verkauft, am besten liefen die „Grundrisse des Rechts“. Schlechte Zeiten für große Lehrbücher. Von einer neuen Auflage des Larenz-BT zum neuen Schuldrecht (die Reform war 2002) sprach dieses Jahr keiner mehr. In der Tabelle auf dem Rechner des Beck-Mitarbeiters sah ich nichts davon. Und auch das Staatshaftungsrecht von Ossenbühl gibs weiterhin nur in der fünften Auflage, mit der ich 1998 noch studiert hatte.

Der weitere Rundgang führte mich dann abschließend in die belebteren Hallen 4.1 und 3. So wenig Neues gabs bei Suhrkamp sehr selten. Der Umzug von Frankfurt nach Berlin scheint auf Kosten der Produktivität gegangen zu sein. Einzig die epochale und wunderbar gesetzte Neuerscheinung von Zettel’s Traum ragte hervor, auf einem Lesepult dargeboten, beinahe zelebriert, ein typographisches Meisterwerk, keine Zweifel, aber leider weit jenseits des üblichen Haushaltsbudgets.

Brockhaus heißt zwar weiterhin Brockhaus, gehört nun aber zu Bertelsmann, und was ich dort erfuhr, machte mich einigermaßen sprachlos: Man weiß offenbar auch nach einem Jahr noch nicht so recht, was man mit dem neuen Namen anfangen soll. Die Brockhausredaktion wurde nach der Unternehmensübernahme entlassen, die ehemaligen Mitarbeiter suchen seitdem als Überqualifizierte eine neue Aufgabe. Meyers Großes Taschenlexikon gibt es dem Namen nach nicht mehr; der 24-Bänder wird unter der Marke „Brockhaus“ weitergeführt. Die 21. Auflage der Enzyklopädie wird weiterhin verkauft. Sie stand wie Blei im Regal, niemand wollte darin heute blättern. Die nächste Auflage soll nun von der Bertelsmann-Redaktion erstellt werden, was ja eher ein schlechter Witz ist, wenn man sich noch an die miserable inhaltliche Qualität erinnert, die den Lexika von Bertelsmann seit jeher eigen ist. Es kam aber noch besser: Es gibt nämlich auch überhaupt keine Online-Strategie des Verlags. Während der Online-Zugriff schon längst der Hauptvertriebsweg für den Konkurrenten Britannica ist und die Wikipedia — je nach Sprachversion — schon lange unter den meistbesuchten Websites überhaupt liegt, wird der Brockhaus weiterhin in Halbleder mit Goldschnitt für 2800 Euro angeboten. Der Verlagsprospekt trägt sehr zurecht die Aufschrift: „Wissen ist wertvoll.“ Im Innern heißt es: „Wahres Wissen spricht Bände.“ So wortreich und blumig kann man eine Entwicklung auch verschlafen. Ein Online-Zugriff für Multimedia-Inhalte (also für kleine Filmchen, zusätzliche Bilder usw.) ist im Preis der Enzyklopädie enthalten, er ist aber nicht separat zu bekommen, wer Online will, muß erst einmal Print kaufen, und abseits des Brockhaus-Stands erfuhr ich dann in einem weiteren sehr kompetenten und idealistischen Gespräch, daß dieser Online-Zugang auch nur für zwei Jahre vertraglich garantiert sei, was Bertelsmann geflissentlich verschweigt. Multimedia gibts bei Bertelsmann ansonsten nur auf DVD oder zum Installieren auf dem Smartphone, aber eben nicht online und ohne Halbledereinband.

Was bleibt, ist das nachdrückliche Bild der Dreiklassengesellschaft in der Verlagslandschaft. Die meisten sitzen in der Holzklasse, während andere immer noch soviel Kraft haben, daß sie kaum noch laufen können, und mir scheint, die Unterschiede werden deutlicher. Aber vielleicht kommt mir auch das nur so vor, je länger ich das alles beobachte.

Ach ja, und die Lesegeräte für E-Books sind besser geworden als vergangenes Jahr. Aber das nur sehr nebenbei.

Sehr schön fand ich übrigens, daß es am Rande der Messe zu einem spontanen Treffen mit drei weiteren Frankfurter Wikipedianern kam, wir hatten eine lebendige Insider-Diskussion über Gott und die Welt auf dem sehr warm von der Sonne beschienenen Platz in der Mitte des Messegeländes. Wiederholung im nächsten Jahr nicht ausgeschlossen. Wenn nichts dazwischenkommt.