Wohin geht die Schuld

von schneeschmelze

Als ich 1997 damit begann, mich mit dem Sozialrecht zu beschäftigen, ahnte ich nicht, daß es einmal eine Behörde geben würde, die derzeit gut 7 Millionen Bundesbürgern feindlich gegenüber eingestellt wäre und daß das die Behörde sein würde, auf deren Leistungen genau diese Bürger zur Deckung ihres Lebensunterhalts notwendig angewiesen sind. Damals ahnte ich nicht, daß diese Behörde von einer rot-grünen Bundesregierung geschaffen werden würde. Daß sie diejenigen, die sie ausschließlich negativ und abwertend beschreibt und denen sie ständig Steine in den Weg legt, als ihre Kunden bezeichnen würde, und zwar kraft Gesetzes. Damals ahnte ich nicht, daß das Rechtsstaatsprinzip kurze Zeit später nur noch ein hohler Witz sein würde, und daß das Sozialstaatsprinzip in den Schubladen der grau beanzugten Totengräber in diesen Behörden begraben würde, wo es niemand mehr wieder hervorholen könnte. Damals ahnte ich noch nicht, daß eines Tages ungebildetes Grobzeug sehr kurzfristig dazu angelernt werden würde, Menschen zu „verwalten“, indem sie sie „aktivieren“ sollen, indem sie sie der „Faulheit“ bezichtigen und indem sie die wirklich allergröbsten Unverschämtheiten in die diesen Menschen zugedachten Bescheide hineinschreiben. All das ahnte ich nicht, aber es ist eingetreten, jahrelang ist es nun schon so, und ein Ende ist nicht abzusehen. Dafür sorgen die Spindoktoren und die richtigen Leute in den Massenmedien. Sonst käme der Wähler möglicherweise auf die Idee, daß es besser wäre, diesen Zustand zu beenden, und würde dazu diejenigen Parteien wählen, die dafür dann möglicherweise sorgen könnten. Wohin geht die Schuld des „Sachbearbeiters“, der, eine sogenannte „Weisung“ befolgend, schreibtischtätergleich einen Antrag ablehnt, der nie gestellt worden wäre, wenn die Verhältnisse nicht so, sondern andere wären? Wohin geht die Schuld dessen, der in die Begründung eines Bescheids weisungsgetreu und unter Ausschaltung jeglicher menschlich anmutender Bedenken — überhaupt: Denken, man sagt das so dahin — und Gefühle — auch das sagt man so — eine fortgesetzte Kette von Unverschämtheiten in seinen Computer tippt, kopiert, ausdruckt, unterschreibt, „auf Weisung“, und dieses Machwerk dann — gegen diesen Bescheid können sie innerhalb einer Frist von … — mit der Post an einen Menschen verschickt, der bereits ahnt, was er bekommen wird, natürlich wieder sowas, er kennt das seit Jahren. Wohin geht die Schuld?