„Weltenwandler“ in der Frankfurter Kunsthalle Schirn

von schneeschmelze

In der Frankfurter Kunsthalle Schirn ist derzeit eine Ausstellung zu sehen, die aus dem üblichen Rahmen des etablierten Kulturbetriebs herausfällt. Die Kuratorin Martina Weinhart hat einen Überblick über die sogenannte Art Brut oder Outsider Art seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zusammengetragen. Unter diesem Begriff werden Kunstwerke zusammengefaßt, die von Laien angefertigt worden sind, insbesondere solche von Künstlern, die unter einer psychischen Erkrankung leiden.

Letzteres ist bekanntlich nicht ganz selten unter bildenden Künstlern – man denke nur an die Werke, die Ernst Ludwig Kirchner im Sanatorium Kohnstamm in Königstein angefertigt hatte (bekanntgeworden ist vor allem eine Lithographie, die ein Porträt Carl Sternheims zeigt, der dort ebenfalls Patient war). Die Werke, die derzeit in der Schirn gezeigt werden, haben damit aber nichts gemein, denn hier handelt es sich um Bilder, Plastiken und Bearbeitungen von ganz verschiedenen Objekten durch Menschen, die teilweise jahrzehntelang in psychiatrischen Anstalten oder sonst sehr zurückgezogen gelebt haben und die dabei eine eigene Welt in der Kunst sich geschaffen haben, die vom gemeinhin Üblichen sich sehr deutlich unterscheidet.

Eine Bezugnahme auf künstlerische Stile, wie man sie aus den üblichen Periodisierungen der Kunsthistoriker kennt, ist nicht zu bemerken, und die Namen der Urheber sind bis heute weitgehend unbekannt geblieben: Judith Scott wickelt alles mögliche in Wolle ein; Adolf Wölfli zeichnete Musiknoten, Zahlen und noch vieles mehr auf Zeitungspapier, das er auch in Sütterlin beschriftet hatte; August Walla malte poppig bunt sein Zimmer an; a.c.m. zerlegte kaputte Platinen und erstellte aus den elektronischen Bauteilen ganz neue phantastische Plastiken; und der Schreiner Karl Junker schnitzte phantastische Möbel und sonstige Plastiken aus Holz. Das alles ist phantastisch und alles andere als trivial. Vieles ist auch schwer zu ertragen. In jedem Fall aber ist es ausgesprochen sehenswert. Eine Anregung zum Nachdenken und -fühlen über „Normalität“ und einen großen Schatz an Kreativität, der in dieser Schau offenbar wird. Obwohl es sich um alles andere als kommerzielle Produkte handelt, erzielen manche der gezeigten Werke auf dem Kunstmarkt heute hohe Preise.

Im Vordergrund stehe der Produktionsprozeß, erzählt die Kuratorin in einer Reportage der 3sat-Kulturzeit. Geradezu manisch werde hier gemalt, und wenn ein Bild fertig gemalt worden sei, gehe man unmittelbar zum nächsten über. Auffällig ist dabei ein großes Interesse, man könnte auch sagen: eine Art Besessenheit mit einer Unzahl an kleinen und kleinsten Einzelheiten, die unermüdlich und filigran ausgearbeitet werden: Zeichnend, malend, schnitzend, montierend.

Die Präsentation ist ebenso ungewöhnlich wie die Exponate selbst. Viele Werke sind frei im Raum aufgehängt, so daß man zwischen ihnen hindurchgehen kann. Und vielen Besuchern ist offenbar nicht bewußt, daß die Ausstellung schon im Treppenhaus beginnt, das von Birgit Ziegert aus Frankfurt gestaltet worden ist. Es ist sehr schade, daß ihre Wandmalereien nach dem Ende der Ausstellung wieder entfernt werden sollen.

Weltenwandler. Die Kunst der Outsider. Kunsthalle Schirn. Frankfurt am Main. Bis 9. Januar 2011.