Früher und heute

von schneeschmelze

Bei der 44. Folge der Reihe „Streitfall – Autoren in der Kontroverse“ im Frankfurter Literaturhaus erinnerte sich Klaus Wagenbach am 10. Dezember 2010 daran, mit welchen Schikanen er und sein Verlag (und sein Anwalt Otto Schily) in den 1960er und 1970er Jahren staatlicherseits zu tun hatten. In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob das Verhältnis Staat-Bürger heute insoweit „besser“ geworden sei? Wagenbach hielt kurz inne und dachte dann laut über ein Beispiel nach: Wenn man heute einen Paß beantrage, „weil man auch mal außerhalb Europas reisen möchte“, gehe man zu einem „Bürgeramt“. Dort werde man von freundlichen Mitarbeitern in hellen Büroräumen zuvorkommend wie ein Kunde bedient. Die Abläufe seien standardisiert und schnell erledigt. Früher habe man hierfür zur Polizei gehen müssen. Dort habe ein mürrischer Schutzmann gesessen, der einen angeschnauzt habe, wenn man das eine oder das andere Dokument nicht gleich mitgebracht hatte, das notwendig gewesen sei, um den Ausweis zu beantragen. Ist es heute also besser als früher? Natürlich wisse man, daß der Staat heutzutage hinter der glatten und hellen Fassade einen Apparat betreibe, der immer noch genauso dunkel sei wie früher. Aber die Datenbanken würden heute abgefragt, ohne daß man etwas davon mitbekomme, und Daten würden miteinander abgeglichen. Die staatliche Gewalt sei also immer noch vorhanden, sie sei nur besser vor dem Bürger verborgen, als sie es früher war. Ob das ein Fortschritt sei?