„Courbet. Ein Traum von der Moderne“ in der Frankfurter Kunsthalle Schirn

von schneeschmelze

Man hat halt so seine Erfahrungen gemacht mit dem Realismus in Frankfurt, allen voran in der Ausstellung „Die große Utopie“ zum sozialistischen Realismus während und nach der Oktoberrevolution, die 1992 hier gezeigt worden war. Hier war unter anderem ein Kaffeeservice zu sehen, auf dem Szenen vom Bau der Transsibirischen Eisenbahn dargestellt worden waren. Etwas Ernüchternderes kann man sich kaum vorstellen.

Und Courbet? Auch er ein „Realist“, ein französischer zwar, aber ein realistischer Maler, der die Menschen und die Gesellschaft zeigt, wie sie sind und nicht, wie sie sein sollten. Mitglied der Pariser Kommune, enfant terrible, der Maler des „Ursprungs der Welt“ (nicht in Frankfurt zu sehen).

Courbet soll in dieser Ausstellung aus einer ganz anderen, neuen Sicht gezeigt werden, erfährt man im Vorfeld. Der Kurator Klaus Herding wolle Bilder zeigen, die bisher „gänzlich unbekannt“ gewesen seien. Vergessen Sie also alles, was Sie bisher über Courbet ergoogelt haben, und lernen Sie einen ganz neuen, weniger realistischen, träumerischen Courbet kennen, der auch langweilige Stilleben und bei der Jagd leidendes Rotwild malte? Müssen die Wikipedia-Artikel über Courbet neu geschrieben werden?

Auch für diese Auswahl an Werken gilt, daß Gustave Courbet keine leichte Kost für einen kurzen Abstecher in die Schirn ist. Er konfrontiert den Betrachter mit den Abgründen der menschlichen Existenz, sei es in den Selbstbildnissen als Entwurzelter im freien Fall über dem Abgrund. Oder als Verzweifelter, sich die Haare raufend. Oder seien es die mehr oder weniger bekannten Akte, die merkwürdig verdrehte Frauenkörper zeigen, alles andere als lustvoll wirken sie, wie sie da liegen, eher angestrengt sehen sie aus, verkrampft lehnt sich die Bacchantin nach hinten, hölzern verdreht liegt der Arm des Mädchens an der Seine auf der Seite. Dafür wurde er auch von den Zeitgenossen verspottet; Courbet sei der am häufigsten karikierte Künstler seiner Zeit gewesen, erfährt man in der Ausstellung. Das Bild der beiden Mädchen löste damals einen Skandal aus. Heute erkennt man kaum noch, daß sie – üppig bekleidet – in Unterröcken dort am Flußufer im Schatten liegen. Die Vitrine mit den Beispielen zur satirischen Verarbeitung der courbetschen Motive ist wirklich sehenswert.

Die „Rückkehr der Bauern vom Markt“ zeigt schonungslos die Armut und die Müdigkeit der Landbevölkerung. Ebenso das Bild der Zigeunerin mit ihren Kindern, das gegenüber gehängt worden ist. Courbet tröstet nicht, er zeigt in überwiegend trüben Farben „häßliche“ Motive. Im „Atelier des Künstlers“ entwirft er ein Porträt der Gesellschaft, in dem er sich dem wirklichen Leben zu- und von der akademischen Malerei radikal abwendet.

Keine Schau für schwache Nerven oder zur bürgerlichen Erbauung, also, aber eine Werkauswahl, die den ganzen Courbet zeigt, ohne ihn in einer allzu revolutionären Pose zu stilisieren. Was aber wohl nicht ganz richtig sein dürfte, denn das hergebrachte Narrativ von Courbet, dem Revolutionär, kann ja nicht ganz falsch gewesen sein angesichts eines Künstlers, der schließlich vor der Strafvollstreckung durch die Reaktion 1873 in die Schweiz entfloh, wo er auch gestorben ist.

Courbet. Ein Traum von der Moderne. Schirn Kunsthalle. Frankfurt am Main. Bis 30. Januar 2011.