Erste Eindrücke vom Netzwerken bei Diaspora

von schneeschmelze

„Verglichen [mit Facebook] erscheint Diaspora geradezu wie die ruhige, minimalistische Klause eines Zen-Anhängers.“ So Erika Jonietz zum Jahresende in Technology Review. Zu Anfang des Jahres gingen dann die ersten Pods in Betrieb, und so besorgte ich mir auch kurzentschlossen einen Account bei einem davon, nämlich bei diasp.org, um das neue soziale Netzwerk zu testen.

Der erste Eindruck erinnert sehr an Facebook: Man findet eine Timeline vor, in der die Postings in umgekehrter chronologischer Reihenfolge aufgelistet werden. Darunter die Kommentare anderer Benutzer, chronologisch sortiert.

Damit hören die Gemeinsamkeiten aber auch schon auf, denn Diaspora vermeidet bisher alle Mängel, die Facebook problematisch machen.

Diaspora-TestZunächst ist Diaspora konsequent vom Anwender her entworfen worden. Jeder Kontakt, den man neu hinzufügt, muß einem sogenannten „Aspekt“ zugeordnet werden. Das sind sozusagen Kommunikationskanäle, die jeder Benutzer selbst einrichtet. Nur zwei sind standardmäßig von Anfang an schon vorgegeben: „Familie“ und „Arbeit“, sozusagen die beiden Grundfesten der bürgerlichen Gesellschaft. Beide kann man aber ohne weiteres löschen. Aspekte können sehr flexibel eingerichtet und auch wieder beseitigt werden. Das gilt auch für die Zuordnung der Kontakte zu den eigenen Aspekten. Alles ist jederzeit neu zu organisieren. Das alles ist kein Selbstzweck, es dient nicht nur dazu, einen besseren Überblick über die Kontakteliste zu behalten. Jedes Posting wird nämlich beim Versand einem Aspekt zugewiesen. So kann man sehr gezielt steuern, welche Nachrichten an welche Kontakte gelangen sollen. Entweder postet man an alle Aspekte oder nur an einen davon. Die Postings werden in Echtzeit dargestellt bei der automatischen Aktualisierung der Timeline. Über Antworten auf eigene Postings wird man benachrichtigt, standardmäßig auch per E-Mail, was man aber zum Glück abschalten kann. Was es bisher noch nicht gibt, sind Möglichkeiten der direkten Kontaktaufnahme mit nur einem anderen Benutzer auf Diaspora – bei Facebook gab es insoweit die direkte Nachricht oder die Pinnwand des anderen, auf der man einen Eintrag hinterlassen konnte.

Weiterhin entspricht die dezentrale Struktur des Netzwerks einem Grundprinzip des Netzes. Die Daten liegen nicht bei einem Hoster zentral vor, sondern verteilt auf eine Vielzahl von Servern (den sogenannten Pods), die sich untereinander abgleichen. So können serverübergreifend Kontakte hergestellt werden. Es spielt grundsätzlich keine Rolle, bei welchem Pod man registriert ist, jeder Pod ist gleichberechtigt. Daraus ergibt sich aber auch eine weitere Besonderheit , was die Kontaktaufnahme auf Diaspora betrifft: Während man auf einem der großen sozialen Netzwerke leicht eine Suche nach einer Person durchführen kann, ist das bei Diaspora nicht ohne weiteres möglich. Bis vor kurzem konnte man nur auf dem jeweiligen Pod nach anderen Teilnehmern suchen. Man mußte also die Diaspora-Adresse ausdrücklich bekanntgeben, was aber wiederum sicherstellt, daß nur diejenigen sie erhielten, von denen man es möchte. Auch derzeit funktioniert die Personensuche nicht zuverlässig serverübergreifend. So kann man übrigens auch problemlos mehrere Identitäten innerhalb von Diaspora pflegen, neben den diversen „Aspekten“, die man zur Kommunikation sich einrichten kann. Ein Paradies für multiple Persönlichkeiten und solche, die das mal ausprobieren möchten.

Praktisch täglich tut sich etwas an der Technik oder am Webdesign. Es sind Kleinigkeiten, die mehr oder weniger gut funktionieren, leicht geändert werden, auf einmal ein bißchen anders aussehen. Das alles verläuft aber sehr dezent, in Schwarz und Anthrazit gehalten, und deshalb frage ich mich zwar, wie schon bei Facebook, das ich seit längerem schon nicht mehr nutze, wozu ich denn Diaspora wohl „brauchen“ werde. Es ist aber so unaufdringlich, daß es mich bisher auch nicht weiter stört.