Tschechow II

von schneeschmelze

Bei meinem Aufenthalt im vergangenen Herbst in Badenweiler, wo Tschechow 1904 starb, habe ich mehrere „Tschechow-Abende“ erlebt, aber der Badenweiler Tschechow ist ein anderer als der Frankfurter Tschechow: Die Umgebung hier ist sachlich, neutral. Die Atmosphäre ist professionell, gekonnt. Das Publikum ist anonym, und es ist auch sehr viel bunter gemischt als im badischen Tschechow-Mekka, wo, wie man mir am Rande einer Wanderung zwischen Sophienruhe und Altem Mann erklärte, seit je nur der kleinere Teil des Umsatzes mit den Kassenpatienten gemacht werde. Außerdem weht ein kalter Wind auf dem Platz vor der Europäischen Zentralbank, auch am ersten etwas milderen Abend in diesem Jahr.

Was die Aufführungen miteinander verband, war die Liebe, ohne die kein Werk gelingen kann, das Gefühl, ohne das jede schauspielerische Professionalität zum bloßen Abspulen auswendig gelernter Phrasen würde. Sie trägt gerade auch den Briefwechsel zwischen Anton Tschechow und Olga Knipper, der voller Zärtlichkeit ist und Warten – aufeinander, auf Erfolg[1], auf Mitteilung, auf Genesung, die Tschechow am Ende versagt blieb.

Wenn man aus dem Theater kommt und man empfindet die Welt vor der Tür als kalt und karg und kantig, fühlt man den Zauber, der in der Kunst liegen kann.

Es war trotz allen Erinnerns und Vergleichens meinerseits ein wirklich gelungener Abend, der mir in seinem Verlauf zunehmend geholfen hat, im hier und jetzt anzukommen.