„Das Netz ist kein Garant für Demokratie“

von schneeschmelze

Zur Überschätzung des Internets für die politischen Zeitläufte habe ich vor kurzem erst etwas geschrieben. Der neokonservative Politologe und Ökonom Mark Lilla, der an der Columbia-Universität in New York Ideengeschichte lehrt, hat sich in einem sehr lesenswerten Interview in der NZZ heute zu der Frage geäußert, welche Rolle die neuen sozialen Netzwerke für die derzeitigen Unruhen in der arabischen Welt spielen: „Die neuen Medien sind ein Forum, um Protest zu artikulieren. Wirkliche Macht aber wird von Institutionen ausgeübt. Der Schlüssel zu Veränderungen ist nicht so sehr die Möglichkeit, der eigenen Stimme Gehör zu verschaffen, sondern vielmehr die Realisierung der Dinge, die man will, auch durchzusetzen. Man kann eine Demokratie durch die neuen Kommunikationswege erhalten und stützen, aber man kann mit dem Internet keine demokratische Konstitution aufbauen. Das Netz ist eine Kraft für die Rebellion, kein Garant für Demokratie.“ Couldn’t agree more. Immerhin: Der Protest artikuliert sich in den neuen Medien. Und das kann durchaus ebenso mächtig werden wie eine Demonstration unter freiem Himmel, wenn sich hier eine Art Speaker’s Corner herausbilden würde. Welche Folgen sie aber zeitigt, mag auf einem anderen Blatt stehen, ebenso wie die Frage, ob der virtuelle Protest in seiner jeweiligen Größenordnung echt ist, ob die dort dokumentierten Stimmen also 1:1 zu Staatsbürgern gehören, die dort ihre Meinung äußern, oder ob er nur organisiert wird in der Art eines Potemkinschen Dorfes, wie man es gerade bei den Facebook-Gruppen gesehen hat, die sich für die Rückkehr zu Guttenbergs in die Politik aussprachen. Deren Größenordnung – eine sechsstellige Teilnehmerzahl – konnte sich im wirklichen Leben nicht zeigen, vom inhaltlichen Niveau des Protests ganz abgesehen.