Die Privatisierung des virtuellen Raums III

von schneeschmelze

Die Deutsche Telekom plant, ihren Newsserver zum 31. März 2011 abzuschalten, ziemlich unbemerkt. Die Kunden werden darüber nicht informiert. Ich habe es auch nur zufällig erfahren – beim Stöbern im Usenet. Meine diesbezügliche Anfrage an den Support wurde mit einer Serien-E-Mail beantwortet, die keinen Bezug zum Thema aufwies. Kunden der Telekom werden nach dem 31. März auf einen providerunabhängigen Newsserver zurückgreifen müssen, wenn sie das Usenet weiterhin nutzen wollen. Ich lese seit kurzem über das Open News Network, derzeit über den Server von Albasani.net, was sehr schön funktioniert.

Doch davon abgesehen: Was wird die Zukunft sein? Kaffeesatzlesen ist immer schwierig, aber der Trend weg vom Usenet hin zu Webforen ist ungebrochen. Jetzt auch bei den Newsgroups zu den Nerdthemen. Zum Beispiel TeX: Die *.c.t.t.-Gruppen haben weniger Beteiligung, während der ganz neue TeX Stackexchange sehr gut läuft. Ein Blogger hatte das vor kurzem u. a. damit in Zusammenhang gebracht, daß es immer schwerer werde, Zugang zum Usenet zu bekommen. Der Zugang über Google Groups wird zwar genutzt, m. E. aber seltener als früher. Weil dort kein Spam aus den Newsgroups entfernt wird, sind sie oft kaum noch lesbar. Außerdem werden Postings aus Google Groups schon seit längerem nicht mehr in der allgemeinen Google Web-Suche nachgewiesen. Und in Google Groups dominieren bei einer allgemeinen Suchanfrage die Webforen, das Usenet findet dort kaum noch statt, außer man sucht gezielt danach.

Indem sich die großen Provider aus dem Bereich zurückziehen, sieht es so aus, als verbliebe es bei zivilgesellschaftlichen Initiativen wie Open News Network, das Usenet zu erhalten. Ich wäre aber skeptisch, ob das Usenet damit auf Dauer seiner Rolle als unzensierter (Gegen-) Öffentlichkeit, die es früher mal sehr viel stärker gespielt hatte als heute, noch gerecht werden kann, schlicht mangels Masse an Teilnehmern. In d.c.p.t wurde heute morgen auch bemängelt, daß die Qualität der Beiträge zunehmend nachlasse, was damit zusammenhängen dürfte.

Der erste große Rückgang an Postings geschah (zumindest in den Gruppen, die ich langfristig lese), als news.cis.dfn.de entgeltpflichtig wurde. Nun fällt news.t-online.de zum Monatsende weg. Über diesen Server sollen (die Zahl habe ich nicht überprüft) fast 20% aller Postings ins deutschsprachige Usenet eingeliefert worden sein, und einige haben schon laut darüber nachgedacht, ob sie das Usenet überhaupt noch brauchen und nun überhaupt zu einem anderen Server wechseln sollten.

Was mir dabei Sorgen macht, ist der Umstand, daß die Foren außerhalb des Usenets privat betrieben werden, mit „Hausrecht“ des Betreibers, Monopolisierung des Bestands an Postings auf einer eigenen und zentralen Plattform, eigener Löschpraxis oder Moderation, Vergabe und Entzug von Nutzungsrechten usw. Die virtuelle, verteilt organisierte und inhaltlich einheitliche, unzensierte Öffentlichkeit, die im Usenet existiert, mit allen Vor- und Nachteilen, verschwindet zugunsten einer zersplitterten Ansammlung von Plattformen, die jeweils zentral verwaltet werden und von denen man als Benutzer auch durchaus ausgeschlossen werden kann. Das meiste davon bleibt zum Lesen öffentlich über HTTP abrufbar, aber einiges verschwindet in den Webforen auch hinter virtuellen Barrieren. Am extremsten ist es wohl bei dem closed shop Facebook als derzeitigem Platzhirsch im Web 2.0.

Über diese „Privatisierung des virtuellen Raums“ habe ich schon mehrfach geschrieben. Das Usenet ist ein öffentlicher Raum, weil es verteilt organisiert und allgemein zugänglich ist. Und indem es verschwindet, verändert sich auch die Diskussionskultur im Netz grundlegend und unumkehrbar.

Soziale Netzwerke sind dafür kein Ersatz, denn sie dienen vor allem dazu, Daten von Benutzern zu sammeln, auszuwerten und damit Geld zu verdienen. Die Nutzer sind dazu nur ein Mittel zum Zweck. Der Betreiber der Plattform bietet den Massen einen Raum, der als mehr oder weniger angenehm empfunden wird (meinerseits letzteres), um die Benutzer dazu zu bringen, möglichst viele Daten dort einzustellen, mit denen er dann weiter arbeiten und wirtschaften kann. Die Kommunikation ist dabei also nur ein Nebeneffekt. Darüber muß man aufklären. Nur soweit der virtuelle Raum durch zivilgesellschaftliche Strukturen gestaltet wird, ist seine Privatisierung positiv zu bewerten.

Bearbeitete Postings vom 15. März 2011, Message-ID: ilkq1o$6a3$1@news.albasani.net und Message-ID: ilkrd6$8s0$1@news.albasani.net.