„Welches Frankfurt?“

von schneeschmelze

Wir fahren in den Sonnenuntergang hinein. Klarer, leicht wolkiger Himmel, kein Abendrot. Ökologisch korrekt (die Berliner taz im Rucksack, bien sûr), wird die Bahnstrecke von Windkraftwerken gesäumt. Es sind so viele, daß der ICE mehrere Minuten lang an dem Rotorenpark entlangfährt. Für den Betrieb der deutschen ICEs würde aller Wind der Welt sehr wahrscheinlich nicht ausreichen. Trotzdem ein beruhigender Anblick. Auf der Strecke bis Wolfsburg: Das flache Norddeutschland, kein Wald, nur einzelne Bäume, ab und an ein mehr oder weniger baufällig wirkendes Haus. Und Lärmschutzwände neben der Bahnstrecke.

Die Proportionen stimmen nicht. Und ästhetisch ist das alles sowieso unter aller Kritik. In den 1990er Jahren entstand eine wirklich furchtbare Architektur, auch und gerade in der Berliner Stadtmitte, wohin mich die Die Bahn fährt. Der Hauptbahnhof: Glas, Stahl und Beton. Das Bundeskanzleramt: Wer, um Gottes Willen, hat sich denn so etwas Scheußliches ausgedacht? Wie soll hier eine menschliche und soziale Politik entstehen? Form follows function. Der alte Reichstag: Ihm tut die Glaskuppel gut, sonst wäre er kaum zu ertragen, bedrückend wirkt er, wie er daliegt, breit und geduckt auf der weiten Fläche, die viel zu groß ist, viel zu weit, und viel zu kahl im Frühling, mit viel zu vielen und viel zu großen Fahnen. Alles ist zehn Nummern zu groß geraten. Das zeigt die Unsicherheit im Umgang mit Symbolen in der damaligen Zeit. Es fehlt der Sinn für Angemessenheit um Umgang mit dem Raum. „Zum Mahnmal gehen Sie rechts herum, am Brandenburger Tor vorbei.“ Das wiederum kleiner ist, als man gedacht hätte. Unscheinbar und unspektakulär. Die Siegssäule in der Ferne. Pariser Platz. Das Hotel Adlon.

Die amerikanische Botschaft, auch die britische: Festungen mit Fahnen. Die russische Botschaft: Goldener Glanz, auf „harmlos“ getrimmt.

Ich bin nicht der einzige Tourist, auch andere sind vor Ort. Bildungsbürger wandern von einem Museum zum nächsten. Sightseeing. Die Einheimischen sind in der Unterzahl. Man merkt es, wenn man nach dem Weg fragt und die Antwort auf Englisch erhält. Im Radio auf UKW: NPR Berlin, aber auch RFI, was mich freut, denn dort gibt es auch nach Mitternacht noch kulturelles Wortprogramm, wenn der RBB nur noch Musik sendet.

Auf dem Stelenfeld: Viele Besucher. Man wundert sich darüber, wie leger manche von ihnen auf den niedrigeren Betonquadern sitzen, als wären es Bänke, die man übrigens in der ganzen Gegend vergeblich sucht. Die Benutzungsordnung verbietet „das Springen von Stele zu Stele“. Der Kabarettist Mathias Beltz hatte sich über dieses Ensemble damals lustig gemacht: Es sei das „größte Denkmal aller Zeiten – das ‚Grödaz‘“. Lustig fand ich das nicht mehr, als ich davorstand. Es ist ein riesiges, schwer durchdringbares und bei aller Regelmäßigkeit der Anlage doch ungleichmäßiges Feld, das starr ist, aber doch auch bewegt, durch die Ungleichmäßigkeit der Quaderoberfläche, die bei jedem Teil anders abgeschrägt wurde. Wenn man hineingeht, wird man gebremst vom Auf und Ab des geraden, aber vertikal welligen Wegs, und auch von der Unübersichtlichkeit im Innern. Hier ist es eng, und auch andere Besucher laufen umher, wie ich, langsam sich vorantastend und leicht irrend, sich immer wieder umschauend. Nach einer gewissen Zeit sucht man nach einem Weg nach draußen. Schwer faßbar und abstrakt, manchmal beklemmend und traurig, aber auch wie eine Wunde, aufgerissen und erstarrt, kantig geworden, belebt von den Besuchern, die durch sie hindurchwandern und sie erforschen, meist ratlos zurückbleibend. Die Sonne erwärmt alles, der Beton speichert die Wärme und gibt sie zurück, anthrazitfarben, trostlos und zahlenlos, mitten in der Stadt. Andererseits: Wenn man nicht wüßte, daß hier der im Holocaust verfolgten und ermordeten Juden gedacht wird: Man käme nicht darauf, daß dieser Wald aus Betonklötzen etwas mit der Geschichte der 1930er und 1940er Jahre zu tun haben könnte. Das alles in einer Stadt, übrigens, in der viel der braunen Vergangenheit und der Schuld, die man damals auf sich geladen hatte, gedacht wird, sehr viel mehr als anderswo.

Am Abend des ersten Tages in der Stadt, als ich vom Kurfürstendamm ins Hotel gehe, bemerke ich, daß die meisten Autos, die hier geparkt sind, ein Kennzeichen haben, das mit dem Buchstaben „B“ beginnt. Am nächsten Tag fällt mir auf, daß es zwar viele Punks gibt, aber keine Obdachlosen, und auch keine Bettler. Armut findet woanders statt. Auch daran hat man gedacht.

Man hat den Kopf voller visueller Klischees, die laufend über die Massenmedien transportiert werden, aus den „Hauptstadtstudios“ heraus werden sie ständig reproduziert. Keine andere deutsche Stadt ist so präsent. Nichts ist wirklich überraschend, alles hat man schon einmal gesehen. Aber man kennt es deshalb noch lange nicht, man erkennt es nur wieder. Es ist echt. Es ist Demonstration von Macht, peinlich oder einfach nur reiner Kitsch. Manchmal ist es auch Kunst. Käthe Kollwitz‘ Pietà in der Neuen Wache ist beeindruckend, aber auch hier wieder das schon erwähnte Leitmotiv der beiden Tage: Die Skulptur ist erheblich vergrößert worden, sie ist im Original viel kleiner.

„Berlin Alexanderplatz“. Das wollte ich dann auch noch sehen. Wie kahl, wie ärmlich. Was für ein Kontrast zum Umfeld, durch das ich erst kurz vorher gelaufen war.

Und irgendwo soll es noch Reste der Mauer geben. Man habe sie bewahrt und unter Denkmalschutz gestellt. Man habe Künstler gebeten, sie mit Graffiti neu zu besprühen. Für die Touristen. „We’re going to the Berlin Wall“, sagt die eine der beiden Amerikanerinnen im Weggehen. „Die ist da hinten!“ Ich sehe sie nicht, von der Brücke aus, es ist schon zu dunkel, um sie von den anderen Konturen zu unterscheiden, die die Stadt ausmachen. „Da hinten beginnt Kreuzberg.“ Die Berliner Hausnummern folgen keinem mir bisher bekannten System. Sie folgen anscheinend gar keinem System. Nummer eins bis 50 nach links, ab Nummer 51 geht es nach rechts die Straße entlang. Die Begründung, unser System der wechselseitigen aufsteigenden Numerierung, sei von Napoleon in Deutschland eingefügt worden, also nur soweit verbildlich gewesen, wie die französische Besatzung gereicht habe, bestärkt mich erneut in meiner Frankophilie. Bei uns ist das anders. „Woher kommen Sie?“ – „Aus Frankfurt.“ – „Welches Frankfurt?“ – ? – „Am Main oder an der Oder?“ Ich hätte nie gedacht, daß man das erklären müßte. Ist uns die Herkunft nicht in die Zunge eingeschrieben? Oder geht man hier so selbstverständlich von der geographischen Mobilität aus, setzt man sie vielleicht sogar voraus? Nicht „stillschweigend“, sondern ausdrücklich?

Als ich am Frankfurter Hauptbahnhof ankomme, möchte ich die Wartezeit bis zur Abfahrt meiner S-Bahn in einer Buchhandlung überbrücken. Nach etwa zehn Minuten werde ich gebeten, den Laden zu verlassen, man schließe jetzt. Es ist 23 Uhr. Am Gleis sieben gebe es noch einen Laden derselben Kette. „Aber der macht dann auch bald zu, um Mitternacht.“

Wieder ein Übergang.