Die Zugbrücke hebt sich

Soziale Netzwerke revisited. Angeregt durch die Diskussion in de.alt.comm.webzwonull, habe ich mir die beiden großen sozialen Netzwerke noch einmal angesehen, gut ein Jahr, nachdem ich mich dort abgemeldet hatte.

Ich habe mir also nochmal einen Account bei Facebook zugelegt und ihn so dicht gemacht, wie irgend möglich: Keine Benachrichtigungen, sichtbar nur für „Freunde“, Zahl der „Freunde“: Null. Wie ich höre, sei ich derzeit tatsächlich nicht zu finden. Ich habe dort bisher noch gar nichts gemacht, auch das Profil habe ich nicht ausgefüllt. Sofort erhielt ich Vorschläge von der Plattform, wen ich dort als „Freund“ hinzufügen könnte, natürlich vollkommen neben der Sache liegend, völlig unbekannte Benutzer wurden mir vorgestellt. Außerdem bekam ich sofort, innerhalb von zwei, drei Minuten nach der Registrierung, Follower-Spam. Irgendein Benutzer mit englischem Namen wollte sich mit meinem Account verbandeln. Ich erinnerte mich an die Zeit, die ich damals damit verbracht hatte, solchen Spam auszusortieren, und ließ es gut sein.

Angesichts der neuen Oberfläche bei Twitter ahnt man, wieviel Geld dort in die Webentwicklung fließt. Aber mehr noch: Twitter macht seine API dicht: Neuerdings werden keine RSS-Feeds mehr angeboten. Und auch für die Twitter-Clients wird es immer enger: Ziel sei es, für den Normalanwender eine möglichst einheitliche Oberfläche anzubieten, schon heute griffen 90 % der aktiven Benutzer über die offizielle Twitter-App auf den Dienst zu.

Die Zugrücke hebt sich also schon, bald wird sie wahrscheinlich ganz zu sein. Die sozialen Netzwerke machen dicht und schotten sich gegen das restliche Web ab. Damit schaffen sie eine Grundidee des Web 2.0, die Konnektivität der Plattformen, ab. Monopolisten teilen mit, wie die „user experience“ sein solle und führen sich gegenüber den Entwicklern auf, als rede der Herr mit seinem Knecht. Ganz abgesehen von der wettbewerbsrechtlichen Beurteilung solcher Ansagen: Man stelle sich vor, bei der Entwicklung der E-Mail wäre die „user experience“ ein Grund gewesen, einen Client nicht am Verkehr teilnehmen zu lassen.

Ein Diskutant schrieb angesichts all dessen: „Wer weiß, vielleicht ist es sogar gut, wenn die Anbieter von Kommunikationslösungen so dreist werden, dass ein Teil der (mündigen) Netizens wieder zu den Medien zurückkehrt, die den Anfang des Netzes geprägt haben: News, Mail, IRC.“ Ein anderer Kommentar zu dem Eigenleben, das das Vorschlagswesen dort ganz offenbar führt: „So kann das Facebook ja auch machen, die ‚Accounts‘ sozialisieren alleine, und wir bleiben unbehelligt und unbelaestigt.“ Couldn’t agree more. Man denkt bei all dem Hochmut an Brechts „Buckower Elegien“: „Wäre es da| Nicht doch einfacher, die Regierung| Löste das Volk auf und| Wählte ein anderes?“

Warum machen die Leute das eigentlich mit? Ein Medienpädagoge erzählte beim vorletzten Chaosradio Express, einige Kinder und Jugendliche hätten derzeit keine E-Mail-Adresse mehr, sondern schrieben sich ausschließlich Nachrichten über die sozialen Netzwerke. Es gebe zwar auch den gegenläufigen Trend: Manche wollten mit alledem nichts zu tun haben und klinkten sich aus. Es sei eine Minderheit. Natürlich, was sonst?

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12 Antworten zu Die Zugbrücke hebt sich

  1. kluedicke schreibt:

    schöne Gedanken. Wozu wolltest du den dann den Facebook-Account, der so überhaupt keine Anknüpfung hat? Um auf Content dort (Events, manche Pages) zugreifen zu können?

    Gegen den letzten Trend versuche ich ja anzuwirken, indem ich jedeN, der/die bei Facebook eine Nachricht schreibt, die Antwort per E-Mail bekommt und darauf hingewiesen wird, dass ich via E-Mail viel besser zu erreichen sei.

    Bei Facebook glaube ich aber z.B. nicht, dass speziell der Chat wieder dicht gemacht wird. Sie müssen keine große Angst haben, dass mit der XMPP-Integration viel schief geht und sie haben sich eine größere Userbase verschafft. Beim Messaging-System ist es ja ähnlich, jetzt kann man sich ja sogar eine Facebook-Email-Adresse holen.
    Wäre ja eigentlich lustig, mal auszuprobieren, ob man sich dann neue Accounts mit einer @facebook.com-Adresse anmelden kann :-D

  2. radiomensch schreibt:

    Man kann m. E. nicht sagen, dass sich Twitter vom übrigen Web abschottet. Es ist vielmehr so, dass das Web (also die Nutzung über den Browser) ins Zentrum gerückt wird.

    Dieser Trend lässt sich allgemein beobachten, z. B. bei Email: Selbst technisch beschlagene Nutzer, die früher mit viel Liebe an ihrem eigenen Mailserver schraubten, nutzen heute Gmail (im Browser).

    Schlimm wäre es, wenn man Twitter auschließlich über eine proprietäre Anwendung nutzen könnte. Dem ist aber zum Glück nicht so. Für bereits etablierte Anwendungen, die über API auf Twitter zugreifen, gilt grundsätzlich ein Bestandsschutz.

    RSS-Feeds klappen bei Twitter immer noch, soweit man auf die öffentlich zugängliche Timeline eines Nutzers oder auf die Suche (search.twitter.com) zugreift.

    Wer sich bei Facebook registriert geht einen Pakt mit dem Teufel ein und muss wissen, worauf er sich einlässt.

    Die miteinander sozialisierenden Facebook-Accounts erinnern mich an eine Satire von Ephraim Kishon: Der meinte, als die ersten Schachcomputer aufkamen, er werde sich gleich zwei Geräte zulegen: Die Schachcomputer könnten gegeneinander spielen, und er ginge so lange ins Kino.

  3. jfenn schreibt:

    Danke für Deine Anmerkungen, Radiomensch. Könntest Du bitte die Links verfolgen, die ich angegeben hatte? Von einem „Bestandsschutz“ für bereits existierende Clients lese ich dort nichts, und auch RSS-Feeds werden von Twitter nicht mehr in die Benutzerprofile eingebunden. Die alten Feeds funktionieren derzeit noch, es gibt aber weder einen Link, um sie einzubinden, noch erscheinen sie in der Adreßzeile von Firefox für nicht angemeldete Benutzer.

  4. radiomensch schreibt:

    Das mit dem Bestandsschutz für bestehende Anwendungen habe ich der Berichterstattung entnommen (bei This Week in Tech), und es deckt sich auch mit der Erfahrung, dass die klassischen Twitter-Anwendungen nach wie vor rege genutzt werden.

    Zum Thema RSS: RSS-Feeds werden von Twitter in der Maske zur erweiterten Suche an prominenter Stelle angeboten (“Feed for this query”).

    Wenn man z. B. die URL des Feeds von CNN Breaking News (@cnnbrk) nimmt:

    http://twitter.com/statuses/user_timeline/428333.rss

    oder:

    http://twitter.com/statuses/user_timeline/cnnbrk.rss

    so wird diese Syntax vielleicht nicht mehr offiziell von Twitter dokumentiert, aber die Suche:

    http://search.twitter.com/search?q=+from%3Acnnbrk

    liefert prinzipiell dasselbe Ergebnis mit der Feed URL:

    http://search.twitter.com/search.atom?q=+from%3Acnnbrk

    Vgl. im übrigen die Liste der Suchparameter: http://search.twitter.com/operators

    RSS-Feeds mit Passwort-Authentifizierung habe ich noch nie genutzt, auch nicht bei Twitter. Da mögen auch Sicherheitsbedenken für Twitter eine Rolle gespielt haben.

  5. jfenn schreibt:

    Es geht ja nicht darum, eine Suche als RSS zu lesen, sondern darum, eine Timeline im Feedreader mitzulesen. Der Pfad zu den Feeds ist nicht dokumentiert, neu ist die Erklärung zur Abkehr von RSS und der Wegfall der Links zum Feed. Wie bereits gesagt: Die alten Feeds läufen derzeit noch weiter.

  6. radiomensch schreibt:

    Aber die Suchfunktion von Twitter ist doch so flexibel, dass sich das alles abbilden lässt – und noch viel mehr (vgl. meinen zweiten Beitrag). Und sie weisen auf die Möglichkeit, einen RSS-Feed für Suchanfragen zu abonnieren, an ausgesprochen prominenter Stelle hin, man muss nur draufklicken. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass man das knicken möchte.

    Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass die große Mehrheit der Nutzer mit RSS nichts anfangen kann. Diejenigen, die RSS nutzen wollen, finden die Möglichkeit auch. So gesehen hat man die Weboberfläche nur aufgeräumt.

    Übrigens: Die Suchergebnisse, welche der RSS-Feed für die Twitter-Suche liefert, kommen schneller als die in der Websuche (habe ich eben mal anhand von @cnnbrk probiert).

  7. jfenn schreibt:

    Na ja, letzteres wundert mich nicht. Die Suche greift auf einen Index zu und hinkt deshalb immer etwas hinterher…

  8. radiomensch schreibt:

    Schau’ Dir doch mal die Timeline der Wochenzeitung Die Zeit (@zeitonline) an.

    Zum einen im Web:

    http://twitter.com/zeitonline

    und parallel dazu der über die Twitter-Suche generierte Feed für sämtliche Tweets des Nutzers @zeitonline :

    http://search.twitter.com/search.atom?q=from%3Azeitonline

    und ferner vielleicht noch über einen Twitter-Client. Das ist praktisch zeitgleich, evtl. sogar mit Vorteilen für den RSS-Feed.

    Um noch mal auf Deine Ausgangsüberlegungen zurückzukommen: Eine Gefahr für die Untergrabung von offenen Standards sehe ich eher aus der Richtung von Applikationen für Ipad, Iphone etc. Es werden bereits Inhalte angeboten, für die man zwingend ein Smartphone und eine “App” benötigt und bei denen man als normaler Browser-Nutzer außen vor bleibt.

  9. yvonne schreibt:

    Deinem Perfekt entnehme ich, dass Deine Zugbrücke bereits wieder abgesenkt wurde?
    Schade, ich fand die fb Connection immer ganz anregend. Man bekommt so viele Dinge mit und kann sie “teilen”, dass ich es schade finde, wenn Du nur im stillen Kämmerlein schreibst oder nur auf diesem Deinem Blog, obwohl ich auch hier ab und an vorbeischlendere, mit einem klein wenig arythmischen Kick und mal sehe, wie es Dir zwischen den Zeilen geht.
    Gruß Yvonne

  10. jfenn schreibt:

    Siehst Du, Yvonne, das sehe ich gerade anders: Wer ein Blog bei wordpress.com führt, schreibt nicht im stillen Kämmerlein, denn alles, was ich schreibe, wird von den Suchmaschinen indexiert, es wird archiviert und ist jederzeit von jedem im Netz abrufbar. Das ist der Unterschied zu dem closed shop Facebook. Ich behalte den Account, um meinen Benutzernamen zu reservieren, ebenso bei Twitter, aber ich nutze diese Accounts bis auf weiteres nicht. Mir genügen ebenfalls E-Mail, Blog, IRC und das textbasierte Usenet zum Austausch. Der Account bei Xing bleibt auch bestehen, aber ich habe die Zahl der Kontakte dort mittlerweile auch sehr restriktiv gehandhabt. Es ist lieb von Dir, daß Du mein Blog mitlesen möchtest, das geht sehr leicht via RSS-Feed.

    Ganz liebe Grüße,

    Jürgen.

  11. Stefan schreibt:

    Twitter and Facebook Both Quietly Kill RSS
    http://www.staynalive.com/2011/05/twitter-and-facebook-both-quietly-kill.html

    Habe ich bei Twitter gefunden…

  12. jfenn schreibt:

    Danke. Es wird zu einer weiteren Spaltung der Benutzer führen. Die wirklichen Netizens bleiben in den freien Kanälen Usenet, Mail und IRC, während die Lemminge sich in den sozialen Netzwerken gegenseitig verblöden. Übrigens ist de.alt.comm.webzwonull bei Google Groups angekommen…

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