Warum nachschlagen?

Warum schlagen wir eigentlich etwas nach? Welchen Sinn haben Nachschlagewerke?

Als ich im vergangenen Herbst eine Kur antrat, gab ich meinen Rechner zur Reparatur in die Werkstatt. Dadurch hatte ich die fünf letzten Tage vor der Abreise zuhause keinen Zugriff mehr auf das Internet, zum ersten Mal seit zehn Jahren. Was war die Folge? Mein Wunsch, „etwas nachzuschlagen“, wurde dadurch nicht geringer, er bestand fort. Ich las jetzt aber nicht mehr in Wikipedia (und beteiligte mich infolgedessen auch nicht als Autor daran), sondern ich griff nach längerer Zeit wieder intensiver zu „Meyers großem Taschenlexikon“ von 1983, das ich seit meiner Schulzeit immer noch aufgehoben habe. Außerdem zu anderer Literatur. Ich kaufte mir Zeitungen und las sie gründlicher und länger als sonst, darunter auch ältere Zeitungen, denn ich hebe sie oft länger auf, bis ich dann zur Lektüre komme. Man kann den Versuch noch intensiver gestalten, indem man auf ältere Lexika zurückgreift: Den Volksbrockhaus aus den 1950er Jahren etwa oder – online – die alten gemeinfreien Enzyklopädien und Lexika aus der vorletzten Jahrhundertwende in der retro|bib.

Dabei bemerkt man sehr schnell, daß ein „guter“ oder „lesenswerter“ enzyklopädischer Beitrag in allererster Linie ein „Denkanstoß“ ist, der die weitere Beschäftigung mit einem Thema befruchtet und trägt. Die Länge des Texts spielt keine Rolle. Die Gliederung ebenfalls nicht. Auch seine Aktualität ist fast gleichgültig, solange man keine Daten sucht, die zur Zeit seiner Entstehung noch nicht darin aufgenommen werden konnten.

Es zeigt sich, daß man bereits über einen Fundus an Bildung verfügt, mit dem man an dieser Stelle arbeiten kann. Früher Gelerntes wird wieder aktiviert, aber nicht nur 1:1 erinnert, denn das gibt es nicht, sondern auf den aktuellen Zusammenhang bezogen. So führt das Nachschlagen letztlich vor allem zu einer Selbstvergewisserung und damit zu einer Aufklärung über sich selbst, unabhängig von der dazu benutzten Quelle. Es stimmt: Bildung ist das, was übrigbleibt, wenn man keinen Zugang zu Wikipedia hat: Inhalte, Kompetenzen und die eigenen Ansichten darüber.

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Soziale Frage und Atomkraft II

Die taz bestätigt heute die Vermutungen der ARD: „Laut Tepco sollen nur 45 der 300 Arbeiter auf dem AKW-Gelände Vertragsarbeiter sein.| Doch nach Recherchen der japanischen Boulevard-Illustrierten Friday sind darunter viele ungelernte Tagelöhner, die im Auftrag der Subfirmen über Vermittler angeheuert werden. Sie haben keine andere Wahl, als diese Arbeit anzunehmen. ‚Wenn ich nein sage, erhalte ich überhaupt keine Jobs mehr‘, erklärte ein Arbeiter gegenüber dem Magazin, das sich als erstes Presseorgan Zugang zum J-Village verschaffen konnte. Sie sind nur mangelhaft auf ihren Einsatz vorbereitet: Vier Tage lang werden sie über Kernspaltung, Sievert und Becquerel unterrichtet. Den Abschlusstest müssen sie mit 90 von 100 Punkten bestehen.| Danach erledigen sie die gefährlichsten Arbeiten – und erhalten dafür den geringsten Lohn. Von umgerechnet 3.300 Euro Tageshonorar, die einigen Arbeitern weiter oben in der Pyramide angeboten wurden, können sie nur träumen. Sie müssen sich für die Aufenthalte in hochradioaktiv verstrahlter Umgebung mit einem Tageslohn zwischen 10.000 und 15.000 Yen begnügen, umgerechnet 80 bis 120 Euro. Ein Durchschnittsjapaner verdient im Monat 291.000 Yen (knapp 2.400 Euro).| Einige sind auf das Geld so angewiesen, dass sie vor dem Einsatz ihr Dosimeter absichtlich im J-Village zurücklassen, um die Austauschgrenze von 100 Millisievert später zu erreichen und so länger beschäftigt zu werden. Von Gesundheitsgefahren sei in ihren Arbeitsverträgen keine Rede, erzählte einer der Tagelöhner dem Friday-Reporter.“

Keine „consistently accurate, complete, and referenced medication information“

Der heutige Wikipedia Signpost weist auf eine neue Studie zur Zuverlässigkeit von Artikeln speziell zur Pharmakologie in der englischsprachigen Wikipedia hin, in der die Angaben über die Wirkungen und Nebenwirkungen von Arzneimitteln mit denjenigen im Beipackzettel verglichen wurden: „Conclusion: Wikipedia does not provide consistently accurate, complete, and referenced medication information. Pharmacy faculty should actively recommend against our students‘ use of Wikipedia for medication information and urge them to consult more credible drug information resources.“ Nun kann man darüber streiten, ob das, was in einem Beipackzettel steht (nach welchem Recht, in welchem Land, zu welcher Zeit?), auch enzyklopädisch „relevant“ sei, aber man muß sich auf jeden Fall mit den Ergebnissen auseinandersetzen. – Zur Zahnmedizin in der deutschsprachigen Wikipedia vgl. bereits die Dissertation von Anette Lorenz, die 2009 zu einem ähnlich pessimistischen Ergebnis gekommen war.

Beitrag, Wikipedia Signpost, 12. April 2011.

„Ich bin auf der Suche nach einem Autor…“

Eine aktuelle Anfrage im Wikipedia-Forum von Xing: Der Mitarbeiter einer „Agentur für Events und Live-Marketing“ sucht einen Autor, der ihm einen Wikipedia-Artikel schreibt (Rechtschreibung und Grammatik unkorrigiert):

„… ich bin auf der Suche nach einem Autor, der über eine gute Reputation im englischen Wikipedia verfügt und dessen Einträge nicht sofort gelöscht werden.

Weiß eventuell einer von Euch, wo ich da am besten fündig werden könnte?“

… es geht darum, das ein Eintrag von Wikipedia, der schon seit ca. einem Jahr im deutschsprachigem Wikipedia (ohne Löschung, bzw. vermerk) vertreten ist, auch im englischen Wikipedia (natürlich übersetzt ) erscheinen soll.

Wir haben von dem damaligen Autor gehört, das es schwieriger, bzw. die Einträge im Englischen schneller gelöscht werden, wenn das ganze zu kommerziell ist. Desweiteren wollen wir vermeiden, den deutschen Eintrag aufs Spiel zu setzen, wenn der englische Artikel dann gelöscht wird.

Deswegen brauchen wir einen professionellen Autor, der einen Artikel einstellt, der nicht sofort gelöscht wird. […]

Auf Nachfrage:

„Es geht nicht darum, Wikipedia als Werbeplattform zu missbrauchen – habe ich auch in keinster Weise erwähnt und haben wir auch nicht vor.

Ich bin lediglich auf der Suche nach einem Autor, der einen deutschen Artikel übersetzt ins englischsprachige Wikipedia setzt… komisch, dass sich hier manche direkt angegriffen fühlen…“

Auch LobbyControl wies schon darauf hin, daß die Anlage und die Pflege des Wikipedia-Artikels für ein Unternehmen oder für ein Produkt zum normalen Umfang der Lobbyarbeit gehöre. Auch wenn es wahrscheinlich naiv klingen mag, weil Wikipedia zunehmend zu einem Tummelplatz für Lobbyisten und solche „Agenturen für Events und Live-Marketing“ geworden ist: Eine funktionierende Qualitätssicherung ist notwendiger denn je.