Auf der Durchreise

von schneeschmelze

Ich habe den Westerwald gesehen. Kurz gesagt: Er war sehr grün. „Viel Landschaft“ würde es auf dem Weg geben, so war mir versprochen worden, und das Versprechen ist eingelöst worden. Innerhalb einer knappen Stunde wird man von Frankfurt aus mit dem ICE in die Internetwüste katapultiert, wo das vollständige Laden einer größeren Wikipedia-Seite schon mal zwei bis drei Minuten dauern kann. Im Mittelpunkt der Region steht der „ICE Bahnhof Montabaur“, so entnehme ich es einer Broschüre des Landkreises, die ebendort ausliegt. Um ihn herum: „Verbandsgemeinden“, die über Buslinien mit diesem Tor zur restlichen Welt verbunden sind. Und das Zentrum Montabaur hat ungefähr ein Drittel der Einwohner, die unsere kleine Stadt zählt. Die Busfahrt, die sich quer durch den Landkreis anschloß, kann man aber auch im Rhein-Main-Gebiet mühelos bekommen. Vierzig Prozent des Kreisgebiets seien von Wald und Feldern bedeckt, liest man in der Broschüre. Ich glaube es. Kaum Straßenverkehr, denke ich mir. Nur vier, fünf Fahrgäste im Bus, mich eingeschlossen. Und doch: Erstaunlich, daß man in Deutschland innerhalb von insgesamt drei Stunden und äußerst pünktlich so eine Fahrt absolvieren kann, die in eine etwas andere Welt führt, in klösterliche, aber sehr anregende und nährende Abgeschiedenheit, dennoch alles andere als von gestern, aber ohne die unnützen Ablenkungen, von denen man bei uns geplagt wird, die letzte Strecke allerdings ohne Auto nicht mehr zu erreichen. Niemand, der mir hier begegnet ist, war gleichgültig.

Am nächsten Tag läuft der Film rückwärts. Das schönste Haus von Hachenburg liegt wieder auf unserem Weg. Wir lassen es rechts liegen und fahren geschwind weiter. Der Bus kurvt emsig und bisweilen leicht schnaufend durch die engen Gassen, wie ein etwas zu dicker Mann, der mit einem viel zu großen Einkaufswagen durch die Süßigkeitenregale im Supermarkt fährt. Zwischendurch regnet es leicht. Beim Aussteigen am Busbahnhof fragt mich einer der Fahrgäste, ob ich ihm weiterhelfen könne, er suche das Jobcenter. Als ich die Treppe zum „ICE Bahnhof Montabaur“ hochgehe, denke ich mir, er träume wohl davon, einmal Berliner Hauptbahnhof zu werden, wenn er denn mal groß geworden ist – all das viele verspiegelte Glas; aber das dauert wohl noch etwas. Derzeit fahren die meisten Fernzüge donnernd durch, in beiden Richtungen. Der Betonboden vibriert unter der Kraft der Maschinen. Über allem ist das schöne, gelb angestrichene Schloß von Montabauer zu sehen. Und der Zug nach München, der schließlich hält, ist fast genauso leer wie derjenige, der mich am Tag zuvor hierher gebracht hatte. Platzreservierung – unnötig. Ich fahre vor dem Regen davon, zurück nach Hause.