Soviel Pause war noch nie

Robin Meyer-Lucht hat gestern in einem etwas seltsam anmutenden Blogbeitrag das vorläufige Ende seines Autorenblogs Carta angekündigt. Er hat es damit begründet, Carta habe „als Konzept Problemzonen bei der Skalierbarkeit und Refinanzierung gezeigt – auch deshalb, weil es nie groß genug war, um sich selbst zu vermarkten“.

Abgesehen davon, daß sich darin ein völliges Unverständnis des Bloggens als einer rein ideellen Beschäftigung zeigt, hat Christian Sickendieck in seinem Blog F!xmbr am Beispiel von Carta sehr gut erklärt, wie das Netz derzeit funktioniert: Es gibt nur noch wenige Blogs, die ich regelmäßig lese, gar über RSS. Aber grundsätzlich verfolge ich nicht Blogs oder Autoren, sondern Themen, und das geht am besten über eine Webrecherche. Die Nachricht kommt zu mir, das stimmt. Ich kann mich entspannt zurücklehnen, ich verpasse nichts, auch wenn ich mal für eine gewisse Zeit aussteige, auch für mehrere Wochen. Nicht ein Blog oder eine Zeitung ist das Medium, das mir etwas über die Welt erzählt, sondern das ganze Netz, insgesamt, mit allen seinen Teilen, Kanälen, je nachdem, welche ich jeweils verfolgen will bzw. kann. Um Carta ist es nicht schade. Der Schwarm an Autoren und Plattformen transportiert den Stoff fürs Tagesgespräch. Und, das Bild von der Karawane, die weiterzieht, ist nicht ganz stimmig: Nur wer sich festgelegt hatte, muß sich nach dem Wegfall einer solchen Quelle neu orientieren und in diesem Sinne als Teil der Karawane „weiter ziehen“. Der Schwarm aber fliegt oder schwimmt insgesamt und kollektiv und führt sich dabei gegenseitig und gemeinsam ans Ziel. Deshalb ist er auch so schwer zu stören und zu beeinflussen, zu lenken, und deshalb ist es für die PR auch so viel schwerer geworden, sich noch Gehör zu verschaffen wie früher, als es nur die Massenmedien gab. Trotz aller Suchmaschinenoptimierung, PR in den Sozialen Netzwerken und Spindoktoren: Unter dem Pflaster liegt der Strand! 🙂 Carta hat schon lange nicht mehr gerockt.

Bearbeiteter Kommentar, F!xmbr, 10. Juni 2011.

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5 Kommentare zu „Soviel Pause war noch nie“

  1. Ich hatte das gar nicht wirklich mitbekommen. Ich meine, dass mit Charta.

    Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, durchströmen mich verschiedene Gedanken und Gefühle. Da ist ein wenig Gleichgültigkeit dabei, weil Charta irgendwie nie so ganz meine Welt war. Die argumentative Stossrichtung erschien mir allzu oft sehr populistisch und sie gab immer wieder Anlass, sich zu ärgern. Auch das Hochjubeln von Artikeln oder Autoren dort war und ist nicht meine Sache. Zudem empfinde ich es auch so, dass man derzeit eher Themen verfolgt. Ich folge auch Leuten, aber dahinter verbergen sich meist eher Sympathien, Freundschaften oder anderweitige private Impulse, die nicht in erster Linie was mit dem Netz zu tun haben. Trotz einer gewissen Distanz zu Charta und auch zu den meisten Autoren dort finde ich das Ende schade, denn solche Sammelbecken können positive Kräfte entwickeln. Leider stosse ich bei vielen dieser Projekte auf eine Motivaion, die nicht meine ist. Wir schrieben schon drüber. Du hast es oben verlinkt. Es geht um den Antrieb zum (Auf)Schreiben. Ich habe ebenfalls tatsächlich allzu oft den Eindruck, dass erst der Businessplan da war und dann der Drang zum Schreiben, zum Öffentlich-Machen von Dingen, Gedanken oder Gefühlen. Und das ist falsch! Zuerst muss der Gedanke raus wollen. Gerade in Zeiten wie diesen ist die Hürde zum Betreiben eines Projektes, nehmen wir ein einfaches Blog, relativ niedrig. Ich kann auch nicht nachvollziehen, dass gefühlt immer jeder und alle sofort vom Schreiben leben können wollen. Was spricht dagegen, dass man einen Beruf hat und auch noch schreibt? Und wenn sich alles entwickelt und man sich eines Tages entscheiden muss zwischen diesen beiden Lebensinhalten, dann soll es so sein. Wenn man an diese Schwelle niemals gerät, was wohl immernoch für die meisten Projekte gilt, dann ist das doch kein schlagender Beweis dafür, dass das Projekt nix taugt oder der Schreiber. Vielmehr kann eine solche Entwicklung bzw. das Ausbleiben der oben skizzierten Entwicklung auch Vorteile mit sich bringen.

    Ich finde es schade um Charta und doch gilt auch: sooooo sehr fehlen werden sie mir wohl nicht, glaube ich.

    1. Eben. Was Dir an Carta nicht behagt hatte, die Stoßrichtung, der Businessplan, ist genau der Zweck, weshalb es zu dem Projekt kam: Meyer-Lucht und Co. haben sich hier vermarktet, und Meyer-Lucht macht nun wieder für alle das Licht aus, nachdem er den großen Werbe-Auftrag von E-Plus erhalten hat. Nun braucht er Carta nicht mehr. So einfach ist das. Ein Blog als Geschäftsmodell. Und keiner sage, er hätte es nicht gesagt.

  2. Schwupps! und gleich ist meine Resttraurigkeit, die ohnehin nur in marginalen Ausmaßen vorhanden war, vollkommen verschwunden. Sowas mag ich ja mal gar nicht. Dabei hab ich nichts gegen PR‘ler und ich habe auch nichts gegen Blogger und ich habe erst Recht nichts gegen Journalismus. Was ich aber mal so gar nicht mag ist, wenn man auf den dicken Deal schielt und sich bis zum Abschluß desselben als das (gefühlte) journalistische Gewissen der Nation gibt. Ja, ich überzeichne, ich weiß. 😉

    p.s.: Ich hatte das gar nicht mitbekommen, dass es da ein solches Angebot gibt. Ich hatte die finalen Tage meines aktuellen Projektes abgearbeitet und habe außer schlafen und projekten nix getan in den beiden letzten Wochen. Halt! Doch! Ich war für ein paar Tage im Elsass, Freunde besuchen. Auch dort war ich meist Offline. Und das war auch gut so. 🙂

    1. Gildet nicht. 😉 Es gibt Wikipedia, dort schreiben wir das für diejenigen auf, die so wenig Zeit haben wie Du. 😉 Und dort stand schon immer, daß er „Berater“ sei. Deutlicher gehts doch kaum noch, oder? :-/

  3. Hihi, also gut: erwischt! 😉

    Im Ernst: Ab und an bekomme ich ja aus meinem Umfeld zu hören, ich wäre so negativ und ich solle es doch mal locker nehmen, wenn ich mal wieder darauf hinweise, dass man verantwortlich ist für das, was man tut und auch für das, was man nicht tut. Tatsächlich ist es aber längst so, dass man heutzutage rein gar nichts mehr machen sollte, ohne zumindest eine Kurz-Recherche anzustellen. Dann klären sich die Fronten meist schnell und man weiß, was man von wem zu halten hat. Ein wenig traurig ist das aber schon, finde ich.

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