Die Redaktion

Die Sammlung der Biographien der FAZ-Redakteure ist ein Panoptikum des bürgerlichen Anstands. Vorzeigbare Damen und Herren, über jeden Zweifel erhabene tüchtige Menschen, die alle eins miteinander verbindet: Es wird behauptet, sie hätten aufgrund ihres eigenen Entschlusses ihrem Leben eine bestimmte Richtung gegeben, sie hätten zwischen mehreren Wegen einen gewählt, aus diesem Grunde, nicht aus jenem heraus sich entschieden, dieses zu werden, nicht jenes, gewiß, nicht ohne Widerstand, jedoch nicht dem Zufall sich beugend, sondern ihrem Wunsche gemäß und der Neigung folgend, sorgfältig vorbereitet, humanistisch gebildet, altsprachlich meist, immer das Ziel vor Augen, am Ende doch zu landen, wo und wie es sich gehört, nicht wo es gerade paßt, sondern wo diese Autoren ihres eigenen Lebens eigentlich immer schon hin wollten, auf daß es ihren Lesern zur eigenen Erbauung gereiche.

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Das personalisierte Schema

Lorenz Matzat meint, die neue Auszeichnungssprache schema.org könnte ein großes Webseiten-Sterben auslösen. Unter den totlangweiligen Nachrichten-Websites nämlich, auf denen lediglich Agenturmeldungen nachgetickert werden. Die großen kommerziellen Suchmaschinenbetreiber Google, Bing und Yahoo haben sich darauf verständigt, semantische Informationen, die mithilfe von Schema.org in Webseiten eingebettet wurden, auszuwerten und bei der Erstellung des Suchergebnisses zu berücksichtigen, vor allem um ihre eigene Werbung zu befördern. Die neue Technik wird sich durchsetzen. Die Folge für Websites wird sein: „Ihnen bleibt nichts anderes übrig, als bei schema.org mitzumachen, wenn ihnen die ‚Einschaltquoten‘ wichtig“ ist.

Matzat bringt dies zusammen mit einer weiteren Entwicklung: Schon heute können journalistische Texte vollständig automatisch generiert werden. Sport- und Börsenberichte sind soweit standardisiert, daß es zu ihrer Produktion keiner von Menschen geführten Feder mehr bedarf. Ein Computer ist dazu vollkommen ausreichend. Dadurch ändere sich die Tätigkeit des Online-Journalisten: Seine Aufgabe werde in Zukunft darin bestehen, solche Texte zu redigieren, so daß sie „eine eigene Note“ erhielten und sie in solchen einer Weise anzurichten, daß sie dem Leser mehr zu bieten hätten als das, was die Suchmaschinen bereithielten, die aus den semantischen Daten einen Datencocktail anrichten, der für den Hausgebrauch der meisten ausreichen mag, wenn man bedenkt, daß die BILD-Zeitung weiterhin die am meisten „gelesene“ Zeitung in Deutschland ist.

Der sogenannte Datenjournalismus werde dagegen an Bedeutung gewinnen: Journalisten, die (mehr oder weniger) öffentlich zugängliche Daten sammeln, auswerten und verständlich aufbereiten. Die also mithilfe von Computern das machen, was die Computer heute noch nicht können, aber sehr wahrscheinlich bald auch können werden. Es ist eine Frage der Zeit.

Computer erstellen also Texte, die von anderen Computern gelesen und wiederum zu neuen Texten verarbeitet werden. Diese Texte werden wahrscheinlich auf den Geschmack eines Massenpublikums zugeschnitten sein, alles andere könnte man sich, von kommerziellen Erwägungen ganz abgesehen, kaum vorstellen. Es würde nicht in das Weltbild derjenigen passen, die sich so etwas ausdenken.

Es dürfte auf zwei Arten von Texten hinauslaufen: Am Ende wird es computergenerierte Inhalte geben, die das transportieren, was in den Massenmedien unter der Rubrik „Nachrichten“ läuft. Sie sind heute schon größtenteils belanglos und lohnen deshalb die Lektüre nicht. Sie werden vor allem für Suchmaschinen gemacht, und ihr Zweck besteht darin, soviel Einnahmen durch Werbung wie irgend möglich zu generieren. Und es wird Angebote geben, die von Menschen erstellt werden, um andere Menschen zu informieren, zu unterhalten, zum Nachdenken zu bringen oder einfach, um Schönes zu erschaffen. Sie haben mit dem ganzen Werbekram und auch mit dem großen Geld, das damit einhergeht, überhaupt nichts zu tun, sondern bilden eine eigene Sphäre. Das sind die echten Blogger, die nichtkommerziellen Twitterer, die notwendigerweise keine allzu umfangreiche Gefolgschaft aufweisen werden, es sind Leute, die freie Inhalte schaffen und die, jeder für sich genommen, so kreativ sind, daß diejenigen, die nur den Konsum von vorfabrizierten und standardisierten Formen gelernt haben, ihre Texte nicht mehr verstehen werden. Hoffnungslos altmodische Gesellen.

Wenn es tatsächlich so kommen sollte, stellt sich natürlich die Frage, auf welcher Seite die freien Inhalte von Wikipedia & Co. stehen werden. Ich wäre skeptisch, ob sich die kritische Seite unter den Benutzern hier zugunsten der Qualität durchsetzen würde.

Um sich über ersteres ein besseres Bild machen zu können, empfiehlt es sich, ein Referat zu hören, das Eli Pariser schon im letzten Jahr beim Personal Democracy Forum gehalten hat. Er beschreibt auch in seinem neuem Buch und im Guardian, wie Suchmaschinen und soziale Netzwerke mit personalisierten Suchfunktionen zunehmend selbstreferentielle Konstruktionen des Webs erzeugen, aus denen der Benutzer nicht mehr herausfindet. Er nennt dies eine filter bubble. Der Benutzer dreht sich bei jeder Suchanfrage um sich selbst und kommt aus seinem eigenen Horizont nicht mehr heraus, ohne es zu bemerken und ohne es zu wollen. Die Blase ist einfach da. Sie wird befüllt aus Empfehlungsdiensten aller Art. Neuerdings gibt es auch im OPAC der Frankfurter Universitätsbibliothek so eine Funktion. Dort wird bei den meisten Anfragen außer den gesuchten Büchern noch eine Liste eingeblendet, in der es ganz heiße Tips gibt: „Andere fanden auch interessant …“ In der oben beschriebenen Dichotomie wäre das ein Teil der zuerst genannten, von Computern gemachten Sphäre. „Schema“ ist ein durchaus passender Name für diese brave new world.

Soviel Pause war noch nie

Robin Meyer-Lucht hat gestern in einem etwas seltsam anmutenden Blogbeitrag das vorläufige Ende seines Autorenblogs Carta angekündigt. Er hat es damit begründet, Carta habe „als Konzept Problemzonen bei der Skalierbarkeit und Refinanzierung gezeigt – auch deshalb, weil es nie groß genug war, um sich selbst zu vermarkten“.

Abgesehen davon, daß sich darin ein völliges Unverständnis des Bloggens als einer rein ideellen Beschäftigung zeigt, hat Christian Sickendieck in seinem Blog F!xmbr am Beispiel von Carta sehr gut erklärt, wie das Netz derzeit funktioniert: Es gibt nur noch wenige Blogs, die ich regelmäßig lese, gar über RSS. Aber grundsätzlich verfolge ich nicht Blogs oder Autoren, sondern Themen, und das geht am besten über eine Webrecherche. Die Nachricht kommt zu mir, das stimmt. Ich kann mich entspannt zurücklehnen, ich verpasse nichts, auch wenn ich mal für eine gewisse Zeit aussteige, auch für mehrere Wochen. Nicht ein Blog oder eine Zeitung ist das Medium, das mir etwas über die Welt erzählt, sondern das ganze Netz, insgesamt, mit allen seinen Teilen, Kanälen, je nachdem, welche ich jeweils verfolgen will bzw. kann. Um Carta ist es nicht schade. Der Schwarm an Autoren und Plattformen transportiert den Stoff fürs Tagesgespräch. Und, das Bild von der Karawane, die weiterzieht, ist nicht ganz stimmig: Nur wer sich festgelegt hatte, muß sich nach dem Wegfall einer solchen Quelle neu orientieren und in diesem Sinne als Teil der Karawane „weiter ziehen“. Der Schwarm aber fliegt oder schwimmt insgesamt und kollektiv und führt sich dabei gegenseitig und gemeinsam ans Ziel. Deshalb ist er auch so schwer zu stören und zu beeinflussen, zu lenken, und deshalb ist es für die PR auch so viel schwerer geworden, sich noch Gehör zu verschaffen wie früher, als es nur die Massenmedien gab. Trotz aller Suchmaschinenoptimierung, PR in den Sozialen Netzwerken und Spindoktoren: Unter dem Pflaster liegt der Strand! 🙂 Carta hat schon lange nicht mehr gerockt.

Bearbeiteter Kommentar, F!xmbr, 10. Juni 2011.

Auf der Durchreise

Ich habe den Westerwald gesehen. Kurz gesagt: Er war sehr grün. „Viel Landschaft“ würde es auf dem Weg geben, so war mir versprochen worden, und das Versprechen ist eingelöst worden. Innerhalb einer knappen Stunde wird man von Frankfurt aus mit dem ICE in die Internetwüste katapultiert, wo das vollständige Laden einer größeren Wikipedia-Seite schon mal zwei bis drei Minuten dauern kann. Im Mittelpunkt der Region steht der „ICE Bahnhof Montabaur“, so entnehme ich es einer Broschüre des Landkreises, die ebendort ausliegt. Um ihn herum: „Verbandsgemeinden“, die über Buslinien mit diesem Tor zur restlichen Welt verbunden sind. Und das Zentrum Montabaur hat ungefähr ein Drittel der Einwohner, die unsere kleine Stadt zählt. Die Busfahrt, die sich quer durch den Landkreis anschloß, kann man aber auch im Rhein-Main-Gebiet mühelos bekommen. Vierzig Prozent des Kreisgebiets seien von Wald und Feldern bedeckt, liest man in der Broschüre. Ich glaube es. Kaum Straßenverkehr, denke ich mir. Nur vier, fünf Fahrgäste im Bus, mich eingeschlossen. Und doch: Erstaunlich, daß man in Deutschland innerhalb von insgesamt drei Stunden und äußerst pünktlich so eine Fahrt absolvieren kann, die in eine etwas andere Welt führt, in klösterliche, aber sehr anregende und nährende Abgeschiedenheit, dennoch alles andere als von gestern, aber ohne die unnützen Ablenkungen, von denen man bei uns geplagt wird, die letzte Strecke allerdings ohne Auto nicht mehr zu erreichen. Niemand, der mir hier begegnet ist, war gleichgültig.

Am nächsten Tag läuft der Film rückwärts. Das schönste Haus von Hachenburg liegt wieder auf unserem Weg. Wir lassen es rechts liegen und fahren geschwind weiter. Der Bus kurvt emsig und bisweilen leicht schnaufend durch die engen Gassen, wie ein etwas zu dicker Mann, der mit einem viel zu großen Einkaufswagen durch die Süßigkeitenregale im Supermarkt fährt. Zwischendurch regnet es leicht. Beim Aussteigen am Busbahnhof fragt mich einer der Fahrgäste, ob ich ihm weiterhelfen könne, er suche das Jobcenter. Als ich die Treppe zum „ICE Bahnhof Montabaur“ hochgehe, denke ich mir, er träume wohl davon, einmal Berliner Hauptbahnhof zu werden, wenn er denn mal groß geworden ist – all das viele verspiegelte Glas; aber das dauert wohl noch etwas. Derzeit fahren die meisten Fernzüge donnernd durch, in beiden Richtungen. Der Betonboden vibriert unter der Kraft der Maschinen. Über allem ist das schöne, gelb angestrichene Schloß von Montabauer zu sehen. Und der Zug nach München, der schließlich hält, ist fast genauso leer wie derjenige, der mich am Tag zuvor hierher gebracht hatte. Platzreservierung – unnötig. Ich fahre vor dem Regen davon, zurück nach Hause.