„… im Angesicht solcher Weltläufigkeit …“

von schneeschmelze

„… Kann eine Debatte über Immigration und Multikulturalismus in Deutschland sinnvoll geführt werden, wenn nicht dazugesagt wird, wie sich die Probleme in anderen westlichen Ländern darstellen? Mir fällt immer stärker und auch unangenehmer auf, daß sich die öffentlichen Diskussionen national verengen. Die naturwüchsige Neigung zur Nabelschau wird durch die durchschlagende Marktförmigkeit der intellektuellen Auseinandersetzung erheblich verstärkt; der intellektuell-literarische Markt ist ein strikt national begrenzter Markt, der sich in dem Maß, in dem er sich selbst überlassen bleibt, aller europäischen Rhetorik zum Trotz, sich immer stärker nach außen abschottet. Was in einem Land heiß diskutiert wird, läßt die Nachbarn daneben völlig kalt, weil sich die Diskussion auf dem eigenen Markt nicht verkaufen läßt. Während sich die schwere Ökonomie globalisiert, verprovinzialisiert sich auf der anderen Seite das intellektuelle Leben. Wer heute eine Korrespondenz wie die zwischen Turgenjew und Flaubert liest, kann nur vor Neid erblassen im Angesicht solcher Weltläufigkeit.

In Deutschland kommt die seit der Vereinigung unvermeidlich angewachsene Tendenz zur Selbstbeschäftigung hinzu; als ein Teilnehmer an einem ost-westdeutschen Schriftstellertreffen in Berlin im Februar 1990 allen Ernstes meinte, jetzt kämen erst einmal zehn Jahre Aufräumen deutscher Angelegenheiten auf uns zu, fuhr mir der Schreck in die Knochen: was für ein germanozentrischer Alptraum! …“

Aus: Lothar Baier. Die verleugnete Utopie. Zeitkritische Texte. Aufbau Taschenbuch Verlag. 1993. S. 9.