Plus und minus

von schneeschmelze

Nun also noch eine „Plattform“, diesmal von Google. Und sie strömen dorthin, die Netizens, noch weiter hinein in die unsichtbare virtuelle Blase, Netzwerkfutter. Spaß an IT ist eine Sache, bei sowas mitzuspielen, eine ganz andere. Die Blogosphäre verspielt gerade ihren eigenen Anspruch als kritische Instanz, die auch politisch relevant sein könnte, wenn sie es wollte.

Sherry Turkle war mir aus den 1980er Jahren als begeisterte Optimistin in Erinnerung geblieben. Ihr Buch über „Die Wunschmaschine“ war sozusagen das Gegenstück zu dem kritischen Buch von Joseph Weizenbaum über „Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft“. Beide lehren bzw. lehrten am MIT. Nun wird auch Turkle nachdenklicher. In „Psychologie Heute“ hat sie diesen Monat ein Interview gegeben über die Auswirkungen der Always-On(line)-Gesellschaft. Ihre Beobachtungen und Thesen lauten im wesentlichen: Virtuelle Beziehungen folgten einem anderen Muster als wirkliche Beziehungen – sie seien zwar leichter verfügbar, könnten ständig „abgerufen“ werden, sie seien aber auch oberflächlicher und verstärkten daher die reale Vereinsamung. Wer an sozialen Netzwerken teilnehme, inszeniere sich online ständig neu, was so weit führen könne, daß es immer schwerer möglich sei, zwischen dem wirklichen und dem inszenierten virtuellen Leben zu unterscheiden. Wer ständig den Kontakt zur Online-Welt halte, führe dort sozusagen ein Parallelleben, dessen er sich immer wieder versichern müsse. Das halte ihn aber notwendigerweise davon ab, im Hier und Jetzt zu leben. Seine Aufmerksamkeit gelte immer auch dem Netz. Kinder reagierten frustriert, wenn ihre Eltern während gemeinsamer Aktivitäten SMS verschickten. Sie frage sich auch, wie ihre eigene Tochter sich in mehreren Jahrzehnten an ihre Mutter erinnern werde angesichts der Tatsache, daß ein erheblicher Anteil ihrer Kommunikation heute über Kurznachrichten erfolge. Das Internet sei noch nicht erwachsen geworden, resümiert sie.

Es ist wahr: Wenn es eine Parallelgesellschaft geben sollte, die sich abschottet gegen die böse Welt da draußen, dann wäre es am ehesten „das Netz“. Vielleicht ist es auch eine neue Form von Transzendenz, die hier entstanden ist. Das ständige „Andere“, ein neues Jenseits, das man sich ohne Anfang und ohne Ende vorstellt. Von Menschen gemacht, die physisch im Diesseits sich aufhalten, die aber gleichzeitig diese Gegenwelt virtuell bevölkern und gestalten. Ein Kind der Aufklärung und der Technokratie. Eine Utopie, ein Leitmotiv, eine Zuflucht aus Bits und Bytes. Und gleichzeitig eine Sphäre der unerbittlichen Überwachung, der Kontrolle und der Sanktionen. Es sollte einen Weg geben, achtsam zu bleiben und trotzdem auch hieran Anteil zu haben und sich gleichzeitig zu schützen vor den offensichtlichen Nachteilen, die die Nutzung der virtuellen Medien mit sich bringt. Aber nicht nur Turkles Interview, auch der Diskurs über den „Datenschutz“ und über den Überwachungsstaat zeigt die große diesbezügliche Unsicherheit, die zu verorten wäre zwischen dem Wunsch nach Teilhabe und Vergesellschaftung einerseits und den Übergriffen von Kapital und Staat in die Privatsphäre andererseits. Und irgendwo dazwischen die Frage nach dem aufgeklärten Umgang mit alledem.

Advertisements