Payback im Sommerloch: Google, Schirrmacher und des Kaisers neue Kleider

von schneeschmelze

„Man muss das Werkzeug Google, mit dem wir heute alle arbeiten, nicht perhorreszieren. Aber eine europäische, nicht privatwirtschaftliche Suchmaschine, die keiner politischen oder ökonomischen Kontrolle unterliegt, ist vielleicht das wichtigste technologische Projekt der Gegenwart.“ Schrieb Frank „Payback“ Schirrmacher vergangene Woche in der FAZ.

Sein Beitrag sorgte durchaus für Resonanz. Es wurde viel diskutiert, die meisten Beiträge der journalistischen Profis lagen weitgehend neben der Sache, und bei Schirrmachers Thesen rund ums Internet ist ohnehin Vorsicht angesagt, so auch hier, wenn der konservative „Nerd“ (Schirrmacher über Schirrmacher) betont: „China, besorgt um seine Deutungshoheit, hat Baidu.“

Und wir haben – nichts? Warum behauptet Schirrmacher, die europäische Alternative zu Google müsse erst noch erfunden werden? Es gibt sie längst. Die Arbeit des SUMA-EV erwähnt er mit keiner Silbe. Und Schirrmacher interessiert sich bei seinen Überlegungen auch nicht die Bohne für die Frage, was die Suchmaschinentechnologie mit Freiem Wissen zu tun habe.

Man sieht, daß es sehr viel spannender ist, worüber er nicht schreibt, als worüber er sich in gewohnt eloquenter und pirouettenhafter Weise äußert, so mitten im Sommerloch.

Zumal Wolfgang Sander-Beuermann, der seit langem an der Uni Hannover die Metasuchmaschine MetaGer erfolgreich betreibt, bei Spiegel Online darauf hinweist, daß es nicht ausreiche, Google einfach nachzubauen. Er stellt sich vor, die Suche solle demokratisiert werden: „Stattdessen brauchen wir eine Suchmaschinen-Landschaft. Wir müssen den Pluralismus unserer Gesellschaft auch auf technischen Strukturen abbilden. … Jeder soll mitmachen und für kleine Nischen spezielle Suchmaschinen bauen können, die dann viel besser sind als große, vermeintlich alles wissende Angebote. Diese Spezialsuchen, von denen wir tausende für alle Wissensgebiete brauchen, sollen als demokratisch organisierte Struktur vernetzt werden – sowohl im technischen Sinne vernetzt, als auch organisatorisch.“ Suche von unten also, selbstbestimmt und selbstverwaltet, zivilgesellschaftlich organisiert, transparent und übrigens auch dem strengen Postulat des Datenschutzes beim Zugriff auf die Dienste verpflichtet.

Aber das alles paßt anscheinend nicht ins Weltbild des FAZ-Feuilletons. Dort stellt man sich die „europäische Suchmaschine“ eher als eine zentrale Instanz mit „Deutungshoheit“ vor, die dem „Moloch Europa“ entspringt, milliardenschwer, und die dem Bürger nach Altväter Sitte vorgesetzt werde, auf daß sie ihm zum Vorteil gereiche.

Der Schirrmachersche Kaiser hat keine Kleider!