Der ARD-Nachtexpress wird eingestellt

Die traditionsreiche Radiosendung ARD Nachtexpress wird ab Anfang Oktober 2011 eingestellt und durch die „ARD Hitnacht“ ersetzt, die ausschließlich vom Saarländischen Rundfunk gesendet wird. Damit ist der Umbau der ARD-Nachtprogramme, der Anfang 2011 begonnen worden war, abgeschlossen: Die ARD-Popnacht kommt seit Januar 2011 vom SWR, seit April 2011 produziert der MDR die ARD-Infonacht und seit Juli 2011 wird das ARD-Nachtkonzert nur noch vom Bayerischen Rundfunk gesendet. Einer der bekanntesten Moderatoren war der ehemalige Chefsprecher des Hessischen Rundfunks Helmut Hansen, der stets das Motto verfolgt hatte, das Nachtprogramm solle „wie ein fahrender Zug gestaltet sein.“ Deshalb formulierte er die Zeitansagen wie Stationsmeldungen („Jetzt, liebe Nachthörer, haben wir die Zwei-Uhr-dreißig-Station erreicht“).

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Very, very yesterday

Ein geglückter Übergang ist schwer zu finden. Mal ist er zu schnell, mal zu langsam, mal zu zögerlich, mal zu abrupt gewählt. Manche Übergänge sind unvermeidbar, manche gar schädlich, und von anderen wiederum möchte man besser ganz abraten.

Die Fahrt mit dem Zug von Frankfurt nach Nürnberg führt durch fränkische Weinberge hindurch, die sanft hügelig am Rande der Bahnstrecke stehen und dichter bepflanzt zu sein scheinen als die badischen Weinberge im Markgräflerland zwischen Freiburg und Müllheim, durch die ich vor etwa einem Jahr hindurchfuhr und an die sie mich entfernt erinnern.

Wer aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Nürnberg kommt, bewegt sich in einem sehr umfassenden Sinn in die Vergangenheit. Die Innenstadt, in die man nach zwei Stunden hineinkatapultiert wird, zeigt sich mittelalterlich. Sie wurde zwar zum größten Teil durch alliierte Bombenangriffe während des zweiten Weltkriegs zerstört, man hat sie aber wieder aufgebaut, und, wie man hört, hätten sich gar manche Einheimischen darüber nicht nur geärgert. Der Krieg habe – als Ursache der auf ihn folgenden baulichen Rekonstruktion und Modernisierung – nicht nur schlechte Seiten gehabt, trotz allem. Allerdings das Festhalten am ganz Alten. Man pflegt dieses Faible, die Inkonsequenz, und es geht soweit, die Gebäude in der Innenstadt nur drei Stockwerke hoch zu bauen. Dadurch bleiben die Türme der zahlreichen Kirchen über den Dächern weithin sichtbar. Eine der Kirchengemeinden unterhalte übrigens Beziehungen nach Coventry, hörte man später.

Wer ein Café betreiben möchte, sollte das in Nürnberg tun. Selten habe ich eine Fußgängerzone mit so vielen Cafés gesehen, die allesamt gut besucht waren. Die Gastronomie übrigens sehr gut, freundlich und zuvorkommend. Überhaupt die Organisation.

Die braune Vergangenheit der Stadt ist gerade deshalb so gegenwärtig, weil sie aus dem Stadtbild verdrängt worden ist. Während es in Berlin eher zuviel des Gedenkens gab, ist es in Nürnberg eher zu wenig. Überraschend wenig.

Mitten in den Fußgängerzone am Josephsplatz gibt es eine Peep-Show. Sowas hat man lange nicht gesehn. Aber hierhin paßt es. Very, very yesterday, wie die Portale der Kirchen, die alten Brunnen und das alt daherkommende Kopfsteinpflaster.

Aber der Sonnenuntergang entschädigt für alles. Auch wenn der Sommer nie so plötzlich zuende gegangen ist wie an diesem fränkischen Wochenende. In der Nacht von Freitag auf Samstag halbierte sich die Temperatur beinahe.

Der Rückweg geht langsamer vonstatten als erwartet, weil es am Fürther Hauptbahnhof zu einem Oberleitungsschaden gekommen ist, der den gesamten Bahnverkehr in Nord-Süd-Richtung behindert. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.| Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.| Warum sehe ich den Radwechsel| Mit Ungeduld?

Zurück in der Gegenwart, hängt mir Nürnberg nach. Ich brauche länger für den Rück- als für den Hinweg. Auch dieser Übergang gestaltet sich schwierig – das Leitmotiv der drei Tage –, und der Bruch, der damit verbunden war, macht mich auch ein bißchen traurig.

Gar nicht komisch

Loriot, der vorgestern gestorben ist, war Realist. Er hat den Spießer vorgeführt, er hatte ihn studiert, kaum einer kannte ihn so gut wie er, am ehesten noch Carl Sternheim, aber das war gut sechzig Jahre früher. Er überrascht mich noch heute immer wieder, wenn ich ihn mit etwas Abstand neu höre, sehe oder lese. Würde er aktuelle Themen bearbeitet haben, so würde er die Sorge des Facebook-Benutzers – oder besser: „Verwenders“? – um sein Profil beschrieben haben. Oder die heldenhafte Peinlichkeit, mit der der Zeitarbeiter in einer Hartz-IV-Behörde sich Gedanken um zehn Euro mehr oder weniger in einem Bescheid macht, den er auf Weisung aus vier Textversatzstücken montiert, denn mehr hat er nicht gelernt. Die Substanzlosigkeit dieser Form von Macht. Das tägliche Schmierentheater eben. Die müller-lüdenscheid’sche Alternativlosigkeit, Ordentlichkeit, die jederzeit einen Streit wert ist. Er hätte das gekonnt, ohne denjenigen bloßzustellen. Wahrscheinlich nur er. Jedenfalls in einem Massenmedium wie dem Fernsehen. Das er übrigens auch vorführte, selbstreferentiell und mit sehr viel Liebe zum Detail:

Boulevardpedia II

Während uns der Artikel zur bayerischen Problemkuh Yvonne eine ausführliche Löschdiskussion wert war, erfahren wir heute, daß uns die ehrwürdige New York Times am 15. August 2011 deretwegen in einem ihrer Blogs lobend erwähnt hat: Yvonne even has her own German-language Wikipedia page. Just like David Hasselhoff. Von wegen Boulevardpedia! Wir werden prominent! Und wer, bitte, war nochmal Bruno? 😉

Wikipedia Kurier, 17. August 2011.