Plus und minus II

Gunter Dueck hat heute in der Sendung „Corso“ im Deutschlandfunk über das Thema „20 Jahre World Wide Web“ laut nachgedacht und dabei noch einmal einige seiner Thesen zusammengefaßt, die er bei der letzten republica vorgetragen hatte. Er erwähnt dabei aber auch das Usenet-Posting, in dem Tim Berners-Lee seinerzeit die Erfindung des Hyperlinks bekanntgegeben hatte.

Wie sehr sich seitdem der Blick verengt hat, zeigt die Diskussion um die Realnamenpflicht im Netz, die sich gerade im diesjährigen Sommerloch entspannt.

Die Debatte ist schon alt. Sie ist so alt wie das Netz selbst, also wesentlich älter als das World Wide Web. Während es früher selbstverständlich war, daß man wählen durfte, ob man unter seinem bürgerlichen Namen oder unter einem Nickname online auftreten wollte, wurde die Forderung nach der Verwendung des Realnamens vor allem im deutschsprachigen Usenet zum Klassiker. Während im englischsprachigen Netz die Inhalte zählen, sind im deutschsprachigen Usenet seit je Formalien sehr wichtig, vor allem das Quoting. Trotz allem tritt der Netizen selbstverständlich mit seinem Nick auf. Häufig ist es schlicht der Benutzername im lokalen Netzwerk, manchmal ist es ein Phantasiename, aber oft ist es ein beständig benutztes Pseudonym, ein virtueller nom de plume, der durchgehend im Netz verwendet wird – in meinem Fall die schneeschmelze.

Auch in Wikipedia schreiben die meisten unter Pseudonym. Das kann viele Gründe haben, diese können aber dahinstehen, denn es ist schlicht ein Element der Netzkultur, unter dem username zu handeln. Er steht für meine digitale Identität, deshalb ist er auch durch das Login geschützt. Für dessen Güte wiederum bin ich selbst verantwortlich. Auch im IRC auf Freenode ist meine Identität bei NickServ registriert. Manche Wikipedia-Autoren bloggen auch unter ihrem Wikipedia-Namen. Versuche, eine Klarnamenpflicht für Wikipedia einzuführen, sind gescheitert. Der Flop des Gegenprojekts Wikiweise zeigt das eindrucksvoll.

Ein alter Hut, also. Aber nun liest man in Blogs von der Realnamenpflicht, als sei es ein Problem, das erst mit Google plus in die Welt gekommen wäre.

Meine Meinung zu diesem neuen Netzwerk habe ich schon ausgeführt. Es ist ein weiterer Schritt hin zur Privatisierung des virtuellen Raums, die mit Facebook und Twitter begonnen hatte.[1][2][3][4|

Wolfgang Sander-Beuermann von SUMA e.V. hat in der InetBib-Liste und in seinem Blog weitere erhebliche Aspekte ins Spiel gebracht: Die Monopolisierung jeglichen Zugriffs auf Wissen durch einen globalen Monopolisten. Es geht um Wissen, denn das Web ist kein Spielplatz, es ist im Kern der Wissensspeicher der Informationsgesellschaft. Daher übrigens auch die Bedeutung der Netzneutralität. Wer sie infrage stellt, stellt den gleichberechtigten Zugriff auf das Wissen infrage. Big Brother Google übt keinen Zwang auf die Anwender aus, er verführt seine Benutzer, die um „Einladungen“ in diese geschlossene Gesellschaft Schlange stehen, als wäre es etwas Besonderes, und die offenbar das Gefühl haben, an dem virtuellen Geschwätz, das die sozialen Netzwerke erfüllt, unbedingt teilhaben zu müssen.

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Letztlich hängen alle am Tropf von Google, auch ein so großer Tanker wie Wikipedia. Auch die üppig fließenden Spenden der Benutzer hängen mittelbar von der Unterstützung durch das Google-Ranking ab. Entfiele sie, wäre es mit dem Rang sieben unter den trafficstärksten Websites ganz sicherlich bald vorbei, die unkritischen Benutzerströme würden woandershin geleitet und die Entwicklungsmöglichkeiten für die diesbezüglichen freien Inhalte wären zumindest stark gehandicapt.

Wie stark der Blickwinkel der im Netz veröffentlichten Meinung aber mittlerweile verengt worden ist, zeigt eben die derzeitige Diskussion um die Realnamenpflicht, die ausschließlich von der diesbezüglichen Politik von Google plus ausgeht, keine Pseudonyme zu dulden, und die sich vollständig hierauf beschänkt, als gäbe es das übrige Netz gar nicht, mehr noch: Als hätte es dies nie gegeben. Diese historische Vergessenheit ist ein großer propagandistischer Erfolg der sozialen Netzwerke, die zunehmend darauf abgezielt haben, das Netz im Netz abzubilden, so daß die User gar nicht mehr aus dem eigenen Netzwerk herauskommen. Dies, um ihre Werbeeinnahmen zu maximieren. Facebook spiegelt deshalb beispielsweise Wikipedia, und Benutzer bekunden, daß ihnen ein Wikipedia-Artikel dort „gefalle“, viele halten ihn dort für eine Benutzer- oder Themenseite und bemerken auch von der Abschottung des sozialen Netzwerks vom freien virtuellen Raum nichts.

Deshalb ist dieser Diskurs andererseits ein Zeichen dafür, daß gerade die netzaktivistische Fraktion mittlerweile als kritisches Korrektiv versagt und die Entwicklung völlig verkennt. Wer ernsthaft verlangt, bei Facebook oder bei Google plus mit einem Pseudonym handeln zu dürfen, hat ganz schlicht nicht verstanden, worum es sich dabei handelt. Es ist eine private Veranstaltung, der Betreiber stellt eine Hausordnung in Form von Geschäftsbedingungen auf. Wem sie nicht passen, der kann gehen, und das sollte er auch tun. Die Netzwerke unterscheiden sich hinsichtlich ihrer AGB ganz erheblich, und außerdem gibt es weiterhin die wirklich öffentlichen Räume des Netzes: IRC, Usenet, die private Website und das eigene Blog. Und jeder kann jederzeit Mailinglisten einrichten und benutzen. Ohne „Gesichtserkennung“ und Filter Bubble.

Das Ziel muß sein, solche dubiosen Angebote zu verlassen, statt sie durch absurde Forderungen hochzuschreiben. Jeder, dem dort etwas nicht paßt, kann gehen. Einen plausiblen Grund, sich dort weiter zu betätigen, gibt es nicht. Im Gegenteil: Das soziale Netzwerk ist zur Sackgasse geworden. Es ist heute nicht mehr modern, sondern in jeder Hinsicht abzulehnen und obsolet, mit einem Wort: Es ist ein Dino. Man könnte den Umstand, daß das Netz ausschließlich aus dem Blickwinkel kommerzieller Netzwerke heraus betrachtet wird, auch als einen Ausdruck von Dekadenz bezeichnen. Hier zeigen sich Verfallserscheinungen. Eine ehemals kritische Öffentlichkeit gibt sich selbst auf und tanzt um die goldenen Kälber, die ihnen die Konzerne hierzu bereitstellen.

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5 Kommentare zu „Plus und minus II“

  1. Der beste Satz des Posts und der kritikwürdigste liegen direkt hintereinander: „Es ist eine private Veranstaltung, der Betreiber stellt eine Hausordnung in Form von Geschäftsbedingungen auf. Wem sie nicht passen, der kann gehen, und das sollte er auch tun.“

    Ich stelle mir das Netz manchmal wie einen Wald vor. Noch vor ein paar Jahren gab es darin viele verschiedene Trampelpfade und der Wald lag etwas abseits, sodass sich nur mäßig viele Besucher auf kleinen Lichtungen einfanden.
    Dann kamen Unternehmer und stellten neben die kleinen Holzhütten, die jeder wie er mochte nutzen konnte, große Betonhäuser, Kletterparks und Zoos mit namen wie Amazon, eBay und schließlich Facebook auf. In diese Anlagen darf nur noch, wer sich am Eingang ausweisen kann. Die Regeln des Waldes gelten in diesen Anlagen nicht mehr. Und zur Erhöhung der Frequentierung wurde der ehemalige Pfadmeister Google berufen, aus den Trampelpfaden zu den neuen Häusern breite, gute Asphaltstraßen zu bauen, um den Besuchern den Weg zu den neuen Attraktionen zu erleichtern. Und siehe da: Menschen, denen der Weg den in den Wald bisher zu unheimlich oder unbekannt war, kamen in Scharen, um sich den „neuen Wald“ anzusehen.
    Die Pfadwanderer der alten Schule jedoch nahmen diese Änderungen mit Schrecken wahr und hoffen bis zum heutigen Tage, dass der Wald wieder in ein Gleichgewicht gerät.

    Aber: Für die Masse der Leute sind soziale Netzwerke die derzeit einzige Möglichkeit, das Netz über Dinge wie Shoppen und „News“ hinaus zu nutzen. IRC, Usenet etc. (mit ausnahme der Blogs) sind für die meisten unerreichbar oder schlicht unbekannt. 😦

    1. Das Bild vom Wald ist ein schönes und auch treffendes Gleichnis. Klar, die technische Inkompetenz der breite Masse ist die Grundlage für das Geschäftsmodell dieser Betonhäuser. Ich sehe meine Aufgabe aber auch nicht darin, Unbildung und Bildungsunwilligkeit zu verteidigen oder dafür Verständnis zu zeigen. Man kann das lernen. Deshalb halte ich z.B. auch überhaupt nichts davon, der Wikipedia einen WYSIWYG-Editor zu verpassen. Er wird uns die Arbeit mit dem Mediawiki-Quelltext erheblich erschweren, und er wird wahrscheinlich verstärkt Leute in Wikipedia hineinführen, die besser draußen bleiben sollten, weil die Pflege der Artikel durch die vermehrten Beiträge von Anfängern ebenfalls erheblich erschwert würde. – Jedem sein Kirschgarten. 😉

  2. Google+ et. al. sind letztlich nur Werkzeuge. Jeder mag für sich entscheiden, ob er diese Werkzeuge für seine Kommunikationsbedürfnisse (im weitesten nur denkbaren Sinne) sinnvoll einsetzen kann oder nicht.

    In die Realnamen-Diskussion hat sich jetzt niemand geringeres als Innenminister Hans-Peter Friedrich eingeschaltet; der fordert nämlich das „Ende der Anonymität im Netz“ ( Spiegel Online http://is.gd/f7P70k ). Die Veteranen des deutschsprachigen Usenet werden dann also vermutlich demnächst alle CSU wählen, man ist unter Gleichgesinnten.

    Google hat übrigens dem Vernehmen nach den Google+ Nutzern, die gegen das Realnamen-Gebot verstießen, gleich den gesamten Google-Account gesperrt (mit allen anderen Diensten wie Mail, Docs, Reader, Kalender usw.). Es gab Leute, die auf einen Schlag keinen Zugriff mehr auf ihre Korrespondenz, Kontakte, Termine usw. hatten.

    Witzig war der Fall des Schauspielers William Shatner („Star Trek“, „Raumschiff Enterprise“). Der Mann ist nämlich trotz seines fortgeschrittenen Alters von 80 Jahren durchaus technologie-affin und hatte sich gleich bei Google+ registriert.

    Google+ unterstellte aber, der Nutzer William Shatner müsse ein fake sein und ihn gleich wieder gelöscht; mittlerweile ist er wieder aktiv ( https://plus.google.com/112859244767729828637/posts ).

    P. S.:

    Seit gestern bin ich auch bei Google+. Muss gleich mal nachsehen, ob sich in meinem Stream was getan hat 😉

  3. Laienfrage: ist nicht gerade auch das Usenet in gewisser Hinsicht immer angewiesen gewesen auf Accounts bei Anbietern, die die Zugänge herstellen? Und ist es nicht ausgerechnet hier durchaus ein Verdienst Googles (aus seinen nicht-evil, «offenen Tagen», in denen auch dmoz.org noch gefördert wurde), weite Teile des Usenets archiviert zu haben? (So meine Erinnerung, aber ich bin immer nur temporär im Usenet unterwegs gewesen.)

    1. Der Zugang zum Usenet wird traditionellerweise vom jeweiligen Internet-Access-Provider gestellt. Außerdem gab es schon immer auch freie Server. Das Usenet befindet sich im Umbruch. Es begann als universitäres Netz, wurde dann kommerziell und wird nun wieder zunehmend von privaten Initiativen getragen (OpenNewsNetwork). Wenn jemand bei der Archivierung des Usenet ein Verdienst zukam, so war es DejaNews, die das Archiv aufgebaut haben. Google hat es gekauft und läßt es nun zunehmend verkommen. Es ist kaum noch durchsuchbar. Gerade das Usenet ist in vielen Fällen kaum über Google zu lesen, weil die Gruppen voller Spam sind, es wird kein NoCem eingesetzt. Google ist keinesfalls eine Art Retter des Usenet. Allerdings ist es richtig, daß der Anteil der eingelieferten Postings vor allem im amerikanischen Raum über Google recht hoch ist, weil dort sehr viele nicht über private Internetzugänge zugreifen. Der größte Usenet-Zugangs-Provider in Deutschland war die Deutsche Telekom, bis sie ihren Newsserver vor kurzem schloß. Seitdem sind viele zum OpenNewsNetwork gegangen. Individual.net hat auch profitiert, kostet auch nicht allzuviel, aber dennoch, es ist nicht umsonst. Wir sprechen, wohlgemerkt, über das textbasierte Usenet.

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