Very, very yesterday

von schneeschmelze

Ein geglückter Übergang ist schwer zu finden. Mal ist er zu schnell, mal zu langsam, mal zu zögerlich, mal zu abrupt gewählt. Manche Übergänge sind unvermeidbar, manche gar schädlich, und von anderen wiederum möchte man besser ganz abraten.

Die Fahrt mit dem Zug von Frankfurt nach Nürnberg führt durch fränkische Weinberge hindurch, die sanft hügelig am Rande der Bahnstrecke stehen und dichter bepflanzt zu sein scheinen als die badischen Weinberge im Markgräflerland zwischen Freiburg und Müllheim, durch die ich vor etwa einem Jahr hindurchfuhr und an die sie mich entfernt erinnern.

Wer aus dem Rhein-Main-Gebiet nach Nürnberg kommt, bewegt sich in einem sehr umfassenden Sinn in die Vergangenheit. Die Innenstadt, in die man nach zwei Stunden hineinkatapultiert wird, zeigt sich mittelalterlich. Sie wurde zwar zum größten Teil durch alliierte Bombenangriffe während des zweiten Weltkriegs zerstört, man hat sie aber wieder aufgebaut, und, wie man hört, hätten sich gar manche Einheimischen darüber nicht nur geärgert. Der Krieg habe – als Ursache der auf ihn folgenden baulichen Rekonstruktion und Modernisierung – nicht nur schlechte Seiten gehabt, trotz allem. Allerdings das Festhalten am ganz Alten. Man pflegt dieses Faible, die Inkonsequenz, und es geht soweit, die Gebäude in der Innenstadt nur drei Stockwerke hoch zu bauen. Dadurch bleiben die Türme der zahlreichen Kirchen über den Dächern weithin sichtbar. Eine der Kirchengemeinden unterhalte übrigens Beziehungen nach Coventry, hörte man später.

Wer ein Café betreiben möchte, sollte das in Nürnberg tun. Selten habe ich eine Fußgängerzone mit so vielen Cafés gesehen, die allesamt gut besucht waren. Die Gastronomie übrigens sehr gut, freundlich und zuvorkommend. Überhaupt die Organisation.

Die braune Vergangenheit der Stadt ist gerade deshalb so gegenwärtig, weil sie aus dem Stadtbild verdrängt worden ist. Während es in Berlin eher zuviel des Gedenkens gab, ist es in Nürnberg eher zu wenig. Überraschend wenig.

Mitten in den Fußgängerzone am Josephsplatz gibt es eine Peep-Show. Sowas hat man lange nicht gesehn. Aber hierhin paßt es. Very, very yesterday, wie die Portale der Kirchen, die alten Brunnen und das alt daherkommende Kopfsteinpflaster.

Aber der Sonnenuntergang entschädigt für alles. Auch wenn der Sommer nie so plötzlich zuende gegangen ist wie an diesem fränkischen Wochenende. In der Nacht von Freitag auf Samstag halbierte sich die Temperatur beinahe.

Der Rückweg geht langsamer vonstatten als erwartet, weil es am Fürther Hauptbahnhof zu einem Oberleitungsschaden gekommen ist, der den gesamten Bahnverkehr in Nord-Süd-Richtung behindert. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.| Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.| Warum sehe ich den Radwechsel| Mit Ungeduld?

Zurück in der Gegenwart, hängt mir Nürnberg nach. Ich brauche länger für den Rück- als für den Hinweg. Auch dieser Übergang gestaltet sich schwierig – das Leitmotiv der drei Tage –, und der Bruch, der damit verbunden war, macht mich auch ein bißchen traurig.