Boulevardpedia III

Der Wikipedia-Artikel zu der entlaufenen Kuh Yvonne hat zwei Löschdiskussionen überstanden, wurde sogar in der New York Times lobend erwähnt, hat nun Wiedergänger in der englischen und in der slovenischen Wikipedia hervorgebracht und wurde währenddessen zu einem Prachtstück unter den neueren Artikeln in der deutschsprachigen Wikipedia ausgebaut (bis dato 39 Fußnoten!). Heute abend wurde bekannt, daß Yvonne wieder eingefangen worden ist. Sie sei „der Einsamkeit überdrüssig geworden. Das Tier mache einen gesunden und ruhigen Eindruck, hieß es. Yvonne sollte noch am Abend betäubt und auf das Gut nach Deggendorf gebracht werden. Laut der Sprecherin der Tierschutzinitiative war ein Tierarzt mit einem Betäubungsgewehr am Abend auf dem Weg zu Yvonne. In Deggendorf wird Yvonne mit ihrem Sohn Friesi, ihrer Schwester Waltraut und dem Kälbchen Waldi zusammen leben.“ Ende gut, alles gut.

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5 Kommentare zu „Boulevardpedia III“

  1. Alſo mich hat dieſe ganze Geſchichte um die ›Sommerlochskuh‹ in der Wikipedia durchaus zum Schmunzeln gebraucht – der Menſch lebt nicht vom Brot allein, und ein biſschen Spaß muſs auch mal erlaubt ſein! Außerdem bin ich ſowieſo eher Inkludiſt ;).

    Was mich viel mehr aufgregt iſt, wenn gleichzeitig die Relevanzkriterien mißbraucht werden, um einen Artikel aus rein weltanſchaulichen Gründen zu löſchen – ſo wie es dem Humanistischen Pressedienst ergangen iſt (bitte Seite 2 und 3 nicht überſehen!). Das ſind dann die Frustrationsmomente, wo man die Luſt am eigenen Artikelſchreiben verliert (er könnte ja aus fadenſcheinigen Gründen gelöscht werden!) und ſich lieber nur noch auf formale Änderungen beſchränkt.

    Ich bitte um Entschuldigung, daſs ich hier ſo unverſchämt Luft abgelaſſen habe, aber mir liegt der HPD einfach mehr als Yvonne am Herzen …

    1. Der Beitrag, den Du zitierst, wurde von einem Journalisten geschrieben, der auch für den HPD arbeitet. Was aber nicht heißt, daß er falsche Angaben enthielte. Auch ich meine (siehe Seite 2 und 3 des Texts), daß der Pessimismus, den der Autor hier an den Tag legt („Das System ist heute leicht zu kapern. Wenn eine Gruppe von 30 Leuten gemeinsam beschließt, die Herrschaft über Themengebiete in der deutschen Wikipedia zu übernehmen, kann das klappen“) nicht ganz von der Hand zu weisen ist, vor allem bei von der Community eher selten beobachteten Themen. Ich kann nur empfehlen, ein Auge auf die Löschdiskussionen zu haben und sich dort auch zu beteiligen, um die Vielfalt der Meinungen in Wikipedia zum Tragen zu bringen.

  2. Es stellt sich die Frage, ob es für Enzyklopädien im allgemeinen und Wikipedia im besonderen ab und an so etwas wie eine Entrümpelung gibt.

    Wenn ein unbedarfter Wikipedia-Nutzer in, sagen wir, fünf Jahren über den Artikel betreffend das aufregende Leben von Yvonne stolpert, so wird er sich möglicherweise wundern und sich fragen, warum es einen Artikel über eine entlaufene Kuh gibt, während z. B. Artikel über 100 Jahre alte mittelständische Unternehmen wegen fehlender Relevanz rücksichtslos gelöscht werden.

  3. Erſt einmal vielen Dank für dieſe ſachliche Replik! Bisher habe ich mich immer zurückgehalten, in Artikeln inhaltlich zu editieren, wo irgendwie ein biſschen Herzblut von mir dranhängt, um einen (rein ideellen) Intereſſenkonflikt zu vermeiden. Aber man ſollte dieſe Einſtellung wohl auch nicht übertreiben … wenn man da konſequent wäre, müſſte man das Portal:Chriſtentum ausſchließlich von Atheiſten und Agnoſtikern erſtellen laſſen, was weder quantitativ noch qualitativ funktioniern würde. Vielleicht wird es wirklich Zeit für mich, die ›innere Neutralität‹ zwar nicht zu überwinden, aber doch auf ein geſundes Maß zurückzustufen. Vielen Dank für den Denkanstoß!

    Und auch mir ſcheint der Artikel nicht vollkommen aus der Luft gegriffen zu ſein, obwohl er von einem HPD-Journaliſten geſchrieben wurde ;). Meine subjektive Wahrnehmung iſt ſchon länger, dass die Bereitſchaft zur Mitarbeit in der Wikipedia in der Breite zurückgeht, während einige Wenige enorm viel an Arbeit beitragen. Die Gefahr, da in Randthemen ›übernommen‹ zu werden, ſei es nun weltanſchaulich oder bei Artikeln, bei denen ein Firmen- oder Lobby-Intereſſe beſteht, ſcheint mir da tendenziell zuzunehmen.

    Dieſe Gefahr durch Löſchungen bekämpfen zu wollen, ſcheint mir aber die falſche Strategie zu ſein; ſchon allein da dieſe durch aktive Minderheiten mißbraucht werden können.

    Eine andere denkbare Möglichkeit wäre, den Status Quo zu akzeptieren und die Anforderungen an die Wikipedianer zu erhöhen – ſo wie man auch nicht einfach Debian-Developer werden kann, ſondern erſt einen Aufnahmeprozeſs (ſamt ›Gewiſſensprüfung‹ und dem Beweis effizienten Arbeitens) durchlaufen muſs. Aber das würde den Charakter der Wikipedia ändern und ſie damit ihrer größten Stärke – die geringe Einſiegshürde – berauben. Es iſt eine Krux :/

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