Das Bildfilter-Referendum sorgt für einen Konflikt zwischen der deutschsprachigen Wikipedia-Community und der Wikimedia Foundation

von schneeschmelze

Aufgeschreckt durch mitunter problematische Inhalte auf Wikimedia Commons, das als freies Medienarchiv insbesondere für die Wikipedia und ihre Schwesterprojekte dient, hatte die Wikimedia Foundation beschlossen, tätig zu werden, um insoweit aus der Kritik zu kommen. Ganz abgesehen von der Störerhaftung für Inhalte im Internet nach deutschem Recht, soll in den Wikimedia-Wikis demnächst ein Bildfilter eingebaut werden, mit dem jeder Benutzer selbst darüber entscheiden kann, ob er potentiell irritierendes Bildmaterial zu sehen bekommt, wenn er beispielsweise einen Artikel der Wikipedia aufruft, oder nicht.

Die Foundation beschloß, einen solchen Filter einzubauen und bat ihre Community in den vergangenen Wochen zur Abstimmung – nicht mehr über das Ob des Filters, sondern nur noch über das Wie. Der Ergebnis ist heute veröffentlicht worden.

Was bei der Abstimmung im einzelnen herausgekommen ist, spielt nach Lage der Dinge letztlich nur eine untergeordnete Rolle. Sehr viel interessanter ist der weitere Verlauf der Dinge.

In der deutschsprachigen Wikipedia läuft derzeit noch bis zum 15. September 2011 ein Meinungsbild zur Einführung der Bildfilter, in dem sich eine erdrückende Mehrheit dagegen ausspricht. Hierfür werden ganz unterschiedliche Ansichten angeführt: Solche Filter seien mit Sinn und Zweck der Wikipedia nicht zu vereinbaren, die ja ein Medium der Aufklärung sei und deshalb grundsätzlich sich einer Zensur widersetzen müsse. Es könne auch nicht angehen, daß verschiedene Benutzer unterschiedliche Versionen eines Wikipedia-Artikels zu sehen bekämen, je nachdem, welche Einstellungen für ihren Bildfilter gälten. Dadurch würde die Einheit der Wikipedia als Quelle beseitigt. Fraglich ist derzeit auch, was für nicht angemeldete Benutzer gilt, die auf Wikipedia nicht über einen eigenen Account zugreifen: Bekämen sie grundsätzlich die „entschäfte“ Version zu sehen oder wäre der Filter in diesem Fall gar nicht benutzbar? Problematisch erscheint vor allem auch, wessen Ansichten darüber, welche Darstellungen als „filterwürdig“ gelten sollen, letztlich bei einem weltumspannenden Projekt wie der Wikipedia und ihren Schwesterplattformen sich durchsetzen sollen: Sollten hier amerikanische Maßstäbe weltweit gelten oder iranische oder saudi-arabische oder deutsche oder italienische? Mit dieser Frage verschöben sich die Probleme letztlich sehr wahrscheinlich in Kategorisierungsdiskussionen, die die aktive Gemeinde bis auf weiteres zu einem nicht unerheblichen Teil binden würden, von denen aber sehr viele Benutzer auch gar nichts mitbekommen würden, weil sie auf Wikimedia Commons und im Meta-Wiki der Foundation stattfinden – also nicht in den einzelnen Wikipedias und vor allem: Nicht in der eigenen Sprache, sondern ausschließlich auf Englisch, was viele Benutzer von der Teilnahme daran ausschließen wird.

Entscheidend für den Konflikt zwischen der deutschsprachigen Community und der Foundation, der sich derzeit aufgrund des Meinungsbilds abzeichnet, dürfte es gewesen sein, daß die Einführung des Filters zu keinem Zeitpunkt ernstlich zur Disposition gestellt worden ist. Der reaktionäre Satz, wonach derjenige sich bedingungslos unterzuordnen habe, der die Füße unter des anderen Tisch (in diesem Fall: der Server) strecke, kommt einem nicht ganz zu Unrecht in den Sinn.

Nach Gutsherrenart setzt man diesen Filter nun um, anstatt das eigentliche Problem zu lösen: Kein Lexikon hat je irgendwie problematischer Bilder bedurft. Diese haben in einem gemeinnützigen Projekt, das zu Bildungszwecken dient, nichts verloren und sollten entfernt werden. Mehr bedarf es nicht. Stattdessen wird das Problem auf den Benutzer verschoben, der in Zukunft selbst dafür verantwortlich sein soll, wenn er auf einer grundsätzlich vertrauenswürdigen Plattform ausnahmsweise explizite Inhalte vorfindet, die dort gar nicht benötigt werden, um den Zweck, dem eine Enzyklopädie dient, zu erreichen.

Das Aufbegehren der Community gegen die Foundation ist ein gutes Zeichen, ein befreiendes Signal. Daran ist ersichtlich, daß die Community im zehnten Jahr ihres Bestehens erwachsen geworden ist. Es ist auch ein Präzedenzfall: Die Community hat formell keine Macht, ihren Willen gegen die Stiftung durchzusetzen, aber die Wikimedia Foundation wird es sich andererseits auch nicht leisten können, die Ansicht der nach der englischsprachigen zweitgrößten Wikipedia in einer so wichtigen Frage völlig unbeachtet zu lassen und ihren diesbezüglichen Weg unbeirrt fortzusetzen. Sie wird das Gespräch mit der deutschsprachigen Gemeinde suchen müssen. Der Ausgang ist offen.

Demokratie muß man üben, sonst gibt es sie nicht. Und: Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt.