Der Wanderer XXVII

Nicht nur jedem Anfang, auch jedem Ende „wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“.

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How to write an encyclopaedia

Benoit Majerus kritisiert bei de.hypotheses das Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie über den ersten Weltkrieg 1914–1918 online. Die DFG-finanzierte Site soll zum hundertsten Jahrestag des Kriegsbeginns 2014 online gehen und ausschließlich von Historikern geschrieben werden. Der Erste Weltkrieg werde dabei als ein globales Ereignis beschrieben. Die Lizenz, unter der die Inhalte veröffentlicht werden sollen, sei aber „sehr restriktiv“ – „Open Access“ wird dort im wesentlichen verstanden als die freie Zugänglichkeit über Suchmaschinen – und das Projekt soll ohne jede Beteiligung der Benutzer durchgeführt werden. Und die dort einzustellenden Texte sollen vor allem linear und „druckfähig“ sein. Majerus, der selbst an dem Projekt mitarbeitet, weist darauf hin, man hätte hierzu auch mit Wikipedia zusammenarbeiten können: „Wikipedia has even a page dedicated to these projects, entitled School and university projects.“ Und so eine Seite gibts übrigens auch bei uns in der deutschsprachigen Wikipedia. Eine Zusammenarbeit mit dem Wikipedia-Hochschulprogramm wäre auch aus meiner Sicht sehr wünschenswert.

Weniger Kinderarmut?

Die Bundesarbeitsagentur weist darauf hin, daß die Zahl der Kinder unter 15 Jahren, die Leistungen zur Grundsicherung nach den SGB II erhalten, zwischen September 2006 und September 2011 von 1,9 Millionen auf 1,64 Millionen Betroffene gesunken sei. Die Bundesagentur führt das vor allem auf geglückte Vermittlungsbemühungen zurück, während Kritiker darauf hinweisen, daß der Rückgang in Ostdeutschland vor allem auf Wanderungsbewegungen in den Westen beruhen dürfte. Außerdem sei der Übergang aus dem minimalen Hartz-IV-Niveau in eine Beschäftigung im Niedriglohnbereich für die Familien noch lange nicht gleichbedeutend mit einem Ende der Armut.

Interessant ist, daß in der Berichterstattung in den Massenmedien die Frage nicht erörtert wird, inwieweit sich das generative Verhalten bei den Betroffenen in dem Zeitraum geändert habe. In den vergangenen fünf Jahren sind bereits fünf Jahrgänge von Kindern aus dem Alter, auf das sich die Untersuchung bezieht, herausgewachsen. Auch wenn man in Rechnung stellt, daß der politische Druck auf die Familien und die Alleinerziehenden, zu prekären Bedingungen erwerbstätig zu werden, zugenommen hat, bleibt offen, ob die Zahl der Kinder in den betroffenen Familien sich nicht ebenfalls verändert habe. Es könnte auch sein, daß in diesem Zeitraum mit Blick auf die schlechten ökonomischen Aussichten sowie auf die mangelhafte soziale Sicherung schlicht weniger Kinder geboren wurden. Das wäre aber kein „Erfolg“ – soweit man hiervon in dem Zusammenhang überhaupt sprechen könnte –, sondern eher eine traurige Nachricht, weil sie zeigen könnte, wie intensiv die Sozialpolitik in das Leben der Betroffenen eingreift.

Wegen Erfolgs geschlossen

Der Spiegel schreibt heute, die politische Geschäftsführerin der Piratenpartei Marina Weisband habe gesagt: „Unser Ziel ist, uns selbst überflüssig zu machen. … Eine Utopie ist, dass die anderen Parteien sich ganz doll an den Kopf fassen, Angst vor den Piraten kriegen und anfangen, unsere Ideen zu klauen. Das würde mich freuen … Wenn die anderen unsere Ideen stehlen, könnten wir uns guten Gewissens auflösen.“ – Man stelle sich vor, die Grünen wären so verfahren und hätten sich aufgelöst, als die anderen Parteien ihre Ideen übernommen hatten. Als es auf einmal CDU-Umweltminister gab, die zwar nicht ganz so grün waren – aber schließlich gab es dann ja auch einen grünen Außenminister, der nicht mehr ganz so grün war. Was hätte uns erspart bleiben können, wenn die Grünen rechtzeitig die Reißleine gezogen und die Partei wegen Erfolgs aufgelöst hätten. Wegen Erfolgs geschlossen. Überlaßt den „etablierten Parteien“ den Postenschacher und alles, was dazugehört, „der Staat als Beute“, und beschränkt Euch auf konkrete Projekte? Wäre das ein Ansatz, in dem politisch Neues entstehen könnte?

Der Wanderer XXV

Der „Mittelhessen-Express“ der Deutschen Bahn, ein Zug, dessen Name entschieden zuviel Dynamik suggeriert, brachte mich in die Stadt, die sich zu beiden Seiten der Lahn erstaunlich hügelig hervorhebt innerhalb des weiten Landes, dessen Anblick von Feldern, von Feldern und von ganz viel Himmel geprägt ist. Die aus dem Norden entgegenkommenden Züge: Voll von Schnee, hier regnete es. Die Altstadt, die ich auf dem Heimweg zur Entspannung in Richtung Bahnhof im Nieselregen durchquerte, besteht in ihrem Kern vorwiegend aus der Universität, einschließlich einem burschenschaftlichen Gebäude mit bunt wehender Fahne im Vorgarten, das ich wegen der Farben spontan für ein italienisches Konsulat gehalten hätte, viel alte Bausubstanz. Wikivoyage hat Recht: „Living in this town is exercise.“ Aber auch eine Anzahl einladender kleiner Cafés sowie mehrere Buchhandlungen. Kopfsteinpflaster, hier möchte man nicht bei Eisregen unterwegs sein. Einige größere Schulen liegen am Stadtrand im Westen, zehn Minuten zu Fuß vom Haltepunkt Süd entfernt, in OpenStreetMap ist mein Ziel innerhalb eines ansonsten akribisch gemappten Stadtteils, erst seit gestern abend verzeichnet, ich habe es selbst nachgetragen, unmittelbar neben dem Gymnasium gelegen, wie konnte man das dort vergessen? Aus dem Raum, in dem wir uns trafen, ging der Blick auf das Schloß. In der Tat ein erhebender Anblick. Immerhin: Das Internet ist schon da.