Diskussion „Wer sind wir im digitalen Netz?“ am Forschungskolleg Humanwissenschaften in Bad Homburg

von schneeschmelze

Das Forschungskolleg Humanwissenschaften der Frankfurter Goethe-Universität hatte gestern abend zur Diskussion ein Panel zusammengestellt, bei dem die Zwei Kulturen aufeinandertrafen. Um das Thema „Wer sind wir im digitalen Netz?“ sollte es gehen, um das „digitale Selbst“. Es war dann aber doch mehr die Rede von den gesellschaftlichen Problemen, die mit der massenhaften Verwendung von Facebook und von Empfehlungssystemen potentiell einhergehen können, was nicht nur die Autorin und Bloggerin Kathrin Passig zunehmend irritierend fand.

Der emeritierte Rechtsprofessor und ehemalige hessische Datenschutzbeauftragte Spiros Simitis ging konsequent vom Volkszählungsurteil des Bundesverfassungsgerichts von 1983 aus und fragte sich, welche Folgen die unbeschränkte Datensammlung und das Anfertigen von Nutzerprofilen für die Demokratie haben könne, auf die das Gericht seinerzeit hingewiesen hatte. Konkrete Aussagen hierzu blieb er aber schuldig, er beließ es insoweit leider bei diffusen Warnungen – mit einer Ausnahme: In Großbritannien habe sich die Prozeßführung in Scheidungssachen grundlegend geändert, seitdem die Anwälte Angaben auf den Facebook-Profilen der jeweiligen Gegner verwendet hätten. Ein Umstand, der bei dem überwiegend schon älteren Bad Homburger Publikum mehrheitlich für eine gewisse Heiterkeit sorgte. Immerhin: Das Datenschutzrecht sei überholt, auf europäischer Ebene sei es auf dem Stand der 1990er Jahre, es müsse dringend überarbeitet und an die neuen Verhältnisse angepaßt werden.

Simitis‘ Rolle war diejenige des Warners und des Bedenkenträgers, wogegen sich der Soziologe und Politologe Hartmut Rosa und Kathrin Passig wandten. Insbesondere Passig wünschte sich eher eine optimistische Auseinandersetzung mit den Chancen der neuen Medien. So neu seien sie schließlich gar nicht, IRC gebe es schon seit den 1980er Jahren, es sei falsch, die Kommunikation über Datennetze und die Frage nach der digitalen Identität auf Facebook zu reduzieren.

Dem pflichtete Constanze Kurz bei, stellte sich aber insgesamt auf die Seite Simitis‘. Facebook sei letztlich eine Werbeplattform, bei der mittlerweile die Mehrheit der Internetnutzer in Deutschland angemeldet ist. Die Benutzer haben Rechte, Grundrechte, auch gegenüber diesen Konzernen, und es sei an der Zeit, den Wildwest-Methoden beim Umgang mit den Daten der Nutzer Grenzen zu setzen. Kurz sprach sich insbesondere für dezentrale soziale Netzwerke aus. Es müsse sichergestellt sein, daß all diejenigen, die sie verwenden möchten, das auch tun können. Als ein Beispiel dafür, daß es auch ohne Überwachung geht, erwähnte sie Wikipedia, die als einzige unter den großen Websites keine Cookies setze – sofern man nicht angemeldet ist. Im übrigen sei sie der Ansicht, daß Christian Wulff als Bundespräsident zurücktreten solle. Auch dafür gab es an dem Abend Applaus im konservativen Taunus-Kurort.

Enttäuschend war, daß es für die Besucher keine Möglichkeit gab, sich an der Diskussion zu beteiligen. Der Diskurs ging auch meines Erachtens weitgehend am Thema vorbei. Ein Gespräch über die Identität im Netz muß bei der Frage beginnen, was unsere Identität völlig unabhängig vom Internet ausmache, wie die Kommunikation über das Netz (auf den verschiedensten Kanälen) im wesentlichen in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren beeinflußt wurde und im Unterschied zu früher sich verändert hat. Wir haben das alles noch gar nicht richtig verstanden, deshalb hat der „Netzdiskurs“ immer etwas Fahriges und Diffuses an sich. Die juristische Frankfurter Schule war nicht nur Gastgeber, sie hatte auch auf dem Panel den meisten Raum für sich, obwohl es im Publikum auch andere Positionen gab, wie man am Applaus merkte.