Über Zensur stimmt man nicht ab

von schneeschmelze

Ich habe mich für die Löschung des Diderot Club II in der deutschsprachigen Wikipedia ausgesprochen. Schwierige Entscheidung, wie Hans Castorp und Henriette schon in ihren Anmerkungen zur Stimmabgabe schrieben, gerade auch, wenn man sich anschaut, wer auf den ersten Plätzen für die Löschung gestimmt hat. Ein Präzedenzfall, und wie man sich entscheidet, ist es falsch. Schließt man die Seite und löscht sie vollständig, geht auch ein jahrelanges Archiv von kritischen Anmerkungen zu Wikipedia verloren. Sperrt man sie, denkt man an Brechts Satz: „Etwas fehlt.“ Läßt man sie frei gewähren, schlagen sie auf dieser Seite immer wieder und immer öfter über die Stränge. Die Seiten- und Benutzersperrungen nehmen kein Ende. Der Diderot-Club II sorgt für Unruhe im Betrieb, das ist sein Zweck, und er zielt dabei ausschließlich auf Insider. Außenstehende oder Autoren, die nicht so intensiv mitarbeiten, bekommen von ihm in den meisten Fällen überhaupt nichts mit. So ging es mir früher auch. Und genau deshalb ist er so überlüssig wie ein Kropf, denn wer wirklich etwas ändern will, muß öffentlich auftreten und wirken. Auch die richtigen Ansätze wie beispielsweise die gerade geäußerte Kritik an den Burschenschaften, die sich in Wikipedia in einer auch meines Erachtens nicht mehr hinnehmbaren Weise ausbreiten, verhallen im Nichts, weil sie außer den Stammkunden keiner mitkriegt. Wer Kritik an Wikipedia, an Tendenzen in der Autorenschaft oder auch am Förderverein äußern will, kann das auch ohne den Diderot Club II tun. Die Burschenschaften wären auch ein Thema für den Kurier gewesen, den lesen sehr viel mehr und auch Außenstehende. Und dort diskutieren auch mehr Autoren, während im DDII immer nur die üblichen Verdächtigen unter sich sind. Es gibt jedenfalls genügend Diskussionseiten, und das Netz ist groß. Es gibt schon viele Blogs über Wikipedia, auch in deutscher Sprache, und es ist kein Problem ein neues zu eröffnen und Kritik an Wikipedia auch außerhalb von Wikipedia zu äußern. Die Impressumspflicht und die Störerhaftung würden hier zudem dafür sorgen, unnötige und persönlich verletzende Auswüchse zu beschränken, während man sich hier hinter einem Autorenpseudonym verstecken kann. Deshalb meine ich nach alledem, daß etwas mehr dafür spricht, es ohne den DDII zu versuchen. Wikipedianer sind kritische Zeitgenossen, deshalb werden sie mit ihrer Meinung auch weiterhin nicht hinter dem Berg halten. Kritik wird sich Bahn brechen und auch weiterhin stattfinden, hoffentlich an prominenterer Stelle und in produktiverer und verträglicherer Weise. Und wer übrigens meint, es müsse eine Neugründung im Benutzernamensraum geben, möge das gerne tun. Die vorhergehende Löschung wäre jedenfalls eine Zäsur für alle Beteiligten. Ich meine, eine Denkpause wäre an dieser Stelle angemessen. Mit Zensur hat das übrigens nichts zu tun, denn das wäre ein hoheitlicher Eingriff in die Meinungsäußerungsfreiheit, den es in einem selbstverwalteten Projekt nicht geben kann. Über Zensur stimmt man nicht ab.