Der Wanderer XXX

Ich bin in ein Abteil geraten, das von einer Psychologenfamilie belegt worden ist. Gegenüber sitzt die Mutter, sie liest ein schon älteres Buch von Elke Heidenreich. Neben ihr die noch schulpflichtige Tochter, die zwischen ihrem Handy und einem Buch schwankt. Und rechts von mir der Vater, ein Subnotebook auf dem Schoß, zwischen Firefox und Adobe Reader immer wieder wechselnd, die Tabs kann man gar nicht zählen, zwischen so vielen Papers schaltet er hin und her, die ganze Fahrt hinweg, sie sprengen das Fenster des kleinen Bildschirms, Wirtschaftspsychologie, darunter auch ein englischer Wikipedia-Artikel, Trial and error, was mich, auf der Heimfahrt vom Camp, doch auch ein bißchen stolz macht. Im iPod Keith Jarrett, The Köln Concert, später Entertainment for the Braindead. Der Zug war pünktlich, ich kann mich nicht beklagen. Als ich genau zu dem Zeitpunkt, der auf meiner Fahrkarte steht, aussteige, weise ich nach einem Blick auf die Anzeige am Abteil die anderen Fahrgäste darauf hin, daß mein Sitzplatz nun frei geworden sei, es war nicht der schlechteste, aber sie stehen lieber weiter auf dem Gang des völlig überfüllten Zuges, der noch bis nach Stuttgart fahren wird.

Advertisements

2 Kommentare zu „Der Wanderer XXX“

  1. Man kann so allerlei Volk auf einer Bahnfahrt kennenlernen. Manche sind so nett, mit manchen wird man nie klarkommen. Und doch muss man’s mit ihnen auf ein paar Stunden Bahnfahrt aushalten.
    Denkwürdig finde ich noch immer meine Fahrt im Orientexpress vor zehn Jahren. Bin des Nachts von Nürnberg nach Heidelberg getuckert, und da waren ein paar Glücksritter mit im Zug. An einen kann ich mich noch gut erinnern, der war wohl ein „Meisenprofi“ (nach dem Buch „Lieber Matz, dein Papa hat ’ne Meise“). Der kam aus Österreich und erzählte jedem, dass er nach Frankfurt fahre, um dort an der Börse zu reüssieren und damit dann seine Frau zu beeindrucken.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.