Nochn Gedicht

Er hat also dieses Gedicht geschrieben, über das wiederum manches geschrieben worden ist, und zu alledem hat Klaus Bittermann in der Jungle World schon das Nötige gesagt. Was mich daran interessiert hatte, war, ob es ein pazifistisches Gedicht hätte sein können, zu dem Thema. Und nach einigem Nachdenken meine ich: Ja, das wäre möglich gewesen. Und wenn es von einem deutschen Autor geschrieben worden wäre, wenn es von einem glaubwürdigen und aufrichtigen deutschen Autor geschrieben worden wäre (gibt es so einen – oder so eine?), umso eindrucksvoller wäre es gewesen. Er konnte es jedenfalls nicht. Es ist nur ein lautes Geräusch herausgekommen, das zum Glück nicht viel kaputt gemacht hat. Aber es hat eben der Sache, um die es geht, überhaupt nicht geholfen. Weil es nur dazu gedacht war, sich selbst in Szene zu setzen. Ein narzißtischer Akt vor laufender Kamera. Die gedruckte Zeitung: Vielleicht ein letztes Mal als Verbreiter einer großen Nachricht – „… erschienen in … am …“ – und damit Teil der großen Nachrichtenmaschine. Hubert Winkels sagte es im SWR2-Forum: Man mußte es bringen, im Deutschlandfunk hätten sie erwogen, nur eine kleine Notiz am Ende der Sendung zu machen, wegen der miesen Qualität dieses „verquasten Leitartikels in Gedichtform“, aber das sei nicht gegangen, bis in die Tagesthemen lief die Meldung. It’s possible that he thought that the best way to celebrate Easter, in his 85th year, was to wreck the reputation he’d spent a lifetime building up, and get himself branded an anti-Semite. War es so? Es ist ein Bild von Scheitern, auf allen Seiten: Beim Autor, bei den Lesern, bei den Politikern, und in der Sache. Aber eben vor allem ein Scheitern der Massenmedien, die nicht anders konnten (Winkels), als es zu transportieren, als so zu reagieren. Nicht nur Grass selbst, auch die alten Medien sehen am Ende ziemlich alt aus.

4 Kommentare zu „Nochn Gedicht“

  1. Beim RBB Kulturradio berichtete diese Woche ein Journalist, der Günter Grass vor wenigen Wochen in dessen Haus in der Nähe von Lübeck besuchte und ein Gespräch führte. Günter Grass sei kurz zuvor im Krankenhaus behandelt worden und habe in dem Gespräch einen „unkonzentrierten“ Eindruck gemacht. Die Frage, ob er an einem Roman arbeite, habe er verneint. Er arbeite an einem Gedicht.

    Auch die Fernsehinterviews, die Grass nach Veröffentlichung seines Gedichts gab, zeigen m. E. einen etwas fahrigen alten Mann, der auf die ihm gestellten Fragen nicht richtig eingeht.

    Es ist schon etwas bitter, wenn Qualitätszeitungen in England oder Australien ihren Lesern erst einmal erklären müssen, wer Günter Grass überhaupt ist und dass er durchaus kein „nazi writer“ ist.

    Das Stichwort „Aelterwerden“ ist goldrichtig.

    1. Zur Verbreitung: In der französischen Wikipedia wurde diskutiert, ob mein Artikel zu dem Gedicht und die Meldung zu Grassens Einreiseverbot nach Israel überhaupt auf die Startseite zu den Nachrichten gehöre (ja, weil Literaturnobelpreisträger, der auch für die französische Welt Bedeutung habe, außerdem Israel). Und in der englischen Wikipedia sind derzeit viele unserer Intellektuellen nicht bekannt. Vergangene Woche habe ich dort den Artikel zu Klaus Staeck angelegt. Gestern abend bekam ich den Zugang zu HighBeam Research via en.wp. Eingabe „Günter Grass“: Die Abfrage scheitert in der amerikanischen Datenbank meist schon am Umlaut. Ausweichen auf „Gnter Grass“: 86 Treffer aus den letzten 20 Jahren; ist nicht viel. Die Eingabe „Steve Jobs“ liefert 21760 Treffer.

      Ich wäre übrigens dagegen, die Affäre auf seine Altersdemenz zu reduzieren.

  2. Ich habe mich mal bei der US-Version von Amazon nach englischsprachigen Übersetzungen von Grass‘ Werken umgeschaut:

    Es sind aktuell lieferbar: Crabwalk, My Century und The Tin Drum. Eine Reihe weiterer Bücher findet man antiquarisch bei Drittanbietern, aber man muss schon genau wissen, wonach man sucht.

    In Deutschland wurde Günter Grass in neuerer Zeit ja eher mit seinen politischen Äußerungen wahrgenommen, was mehr von lokalem Interesse ist. Von daher ist Grass – vor allem im englischsprachigen – Ausland im öffentlichen Bewusstsein möglicherweise nicht mehr so präsent.

    Einen weltweit renommierten „Großschriftsteller“ haben wir in Deutschland zur Zeit nicht. Dafür wurde dann vor einigen Jahren ein Bernhard Schlink in den USA dank Oprah Winfrey sogar von amerikanischen Hausfrauen zumindest gekauft.

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