Und manchmal sprechen wir sogar vom Tod

von schneeschmelze

Wikipedia ist elf Jahre alt, und das gemeinsame Bearbeiten der Artikel bringt es mit sich, daß man die Interessen, die Macken, die Stärken und die Schwächen der einzelnen Autoren über die Jahre kennenlernt. Bisweilen kommt es zu einem Verlust in der Gemeinde. Manche Wikipedianer werden als vermißt gemeldet, und manche versterben auch. Die Community bekommt so eine Geschichte und erinnert sich an ihre Mitglieder. Und ihre Texte, ihre Bilder, die sie beigetragen haben, werden weiterhin gelesen, sie werden weiter bearbeitet, sie werden weiterhin gebraucht. Daran sieht man, wie wertvoll die Beiträge zur freien Allmende sind. Sie sind dauerhaft da, sie bestehen fort, und sie sind weiter gegenwärtig. Auch wenn ihre Autoren nicht mehr mit dabei sind, gedenkt man ihrer. Der Tod ist ein in Online-Communities selten erwähnter Gast, aber er ist doch ständig anwesend, mal steht er mehr im Vordergrund, mal eher im Abseits. Immerhin: Er kehrt immer wieder zurück ins Bewußtsein der Community, immer öfter, so scheint es, und es entwickelt sich langsam eine Trauerkultur auch im Netz. Es wird erwachsen, es erhält eine Geschichte, und wir merken, daß das Sterben auch zum Leben gehört und daß wir ein Teil dessen sind. So wie das Älterwerden ja auch sonst vor allem darin besteht, daß das Jahr eine Geschichte erhält und man sich daran erinnert, was vor mehr oder weniger langer Zeit um diese Jahreszeit passiert ist, als es Frühling war, als es im Sommer so regnete, als wollte die Welt untergehen, als der Herbst begann oder als es mitten im Winter zu schneien anfing. So wird die ewige Traurigkeit des Abschieds mit dem Optimismus und der Aufbruchstimmung des Internet überlagert, das selbst keinen Anfang und kein Ende kennt, das immer noch da sein wird, auch wenn einzelne es für immer verlassen haben.