Nachdenken über das Drachenwesen VII

Heute morgen mit zwei Drachen gekämpft. Der eine war giftgrün, er log, biß und spie Feuer. Der andere hatte ein blutverschmiertes und ganz deformiertes gelbes Gesicht. Den kannte ich noch von früher, als er noch ein kleinerer Drache war. In rasendem Stillstand saß ich mit diesen Drachen und ihren Drachenkindern an einem runden Tisch, der viele Ecken hatte, und auch die Wände in dem Zimmer waren gelb angestrichen und leuchteten laut und schmierig. Es stank zum Boden, und von der Decke klebte es Maikäfer in den See, auf dem wir pflügten. Die Fenster waren geschlossen, so daß die Zeitungen auf der Ablage rechts in der Soße blubberten, die überall von den Wänden rann. So eine braune, gelbbraune, braunschwarze oder ganz schwarze Soße, manchmal war sie auch grün oder grünbeige, ein helles beige, wenn sie aus den Poren kam, aus der Wand, an der Mauer, da drüben. Jemand ging mir durch den Kopf, aber es war kein Bergsteiger, denn der See war zugefroren, hellblau und weiß war er mitten unter uns, und ich sägte die schönste Stelle heraus, um sie mir mitzunehmen, bevor sie geschmolzen wäre.

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Freies Wissen und Globales Lernen

Am 23. Mai 2012 habe ich im Rahmen der Konferenz Globales Lernen digital – Entwicklung. Bildung. Internet zur Mediale in Darmstadt als Referent von Wikimedia Deutschland vor Vertretern aus dem Bildungswesen und von verschiedenen NGOs, die in diesem Bereich tätig sind, einen Impuls gehalten über das Thema „Freies Wissen und Globales Lernen“. Meine Präsentation habe ich leicht erweitert und zu einer gleichnamigen Seite auf Wikiversity verarbeitet. Über die freundliche Aufnahme auf der Tagung habe ich mich sehr gefreut. Man merkt daran, daß unser Anliegen, Bildungsinhalte in die Gesellschaft zu tragen und alle daran teilhaben zu lassen, in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist – obwohl es immer noch tiefe Gräben gibt zwischen den haves und den have nots, sowohl lokal als auch global. Ein spannendes Thema, nicht nur für Wikipedianer.

„… was auch Entschädigungsklagen … nach sich ziehen wird …“

Manchmal frage ich mich, unter welchem Gesichtspunkt man sich in zehn, zwanzig, dreißig Jahren an unsere Zeit erinnern wird. Eine Pressemitteilung des Landessozialgerichts Berlin-Brandenburg, die heute über Juris lief, gibt da vielleicht einen Anhalt:

Deutsche Sozialgerichtsbarkeit in ungesunder Schieflage

Die Präsidentinnen und Präsidenten der 14 deutschen Landessozialgerichte haben vom 07. bis 09.05.2012 ihre alljährliche Konferenz abgehalten, an der traditionell auch der Präsident des BSG und eine Vertreterin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales teilgenommen haben.

Die Konferenz beschäftigte sich zentral mit der aktuellen Belastung der Sozialgerichtsbarkeit in den einzelnen Bundesländern und stellte hierbei erhebliche regionale Unterschiede fest. Zu beobachten ist nämlich, dass die erstinstanzlichen Sozialgerichte einiger neuer Bundesländer schon jenseits jeder vertretbaren Grenze überlastet sind; dies geht zurück auf die massive Klagewelle in Folge der Hartz IV-Reform und findet seinen Ausdruck in Dezernaten mit einem unvertretbar hohen Bestand von im Schnitt über 500 Streitsachen pro Richter.

Angesichts dieser Aktenmenge kann die vom System der Amtsermittlung geprägte Sozialgerichtsbarkeit ihre Aufgabe, zeitnahen Rechtsschutz zu gewähren, nicht mehr überall in gleichem Maße erfüllen. Die gravierende Überlastung einzelner Gerichte geht im Einzelfall einher mit einer erheblichen Verlängerung der Verfahrensdauer, was auch Entschädigungsklagen nach dem Gesetz zum Rechtsschutz bei überlangen Gerichtsverfahren nach sich ziehen wird.

Die Konferenz sieht diese Entwicklung mit großer Besorgnis. Das im Grundgesetz verankerte Gebot der Gewährleistung effektiven Rechtsschutzes erfordert eine durchweg angemessene Ausstattung der Gerichte, damit es für die Rechtsschutz suchenden Bürger nicht zu regionalen Nachteilen kommt.

Politik als Sprungbrett

LobbyControl betreibt ein Wiki, in dem lobbyismuskritische Informationen gesammelt werden. In dem Artikel Seitenwechsler im Überblick kann man nachverfolgen, zu welchen Firmen einige bekanntere Politiker und sonstige höhere Beamte gewechselt sind, nachdem sie aus dem Amt ausgeschieden waren. Dort liest man beispielsweise, daß der Volkswirtschaftler Otmar Issing (ex-Deutsche Bundesbank/EZB) seit 2007 „International Advisor“ der Investmentbank Goldman Sachs geworden ist. Und die ehemalige hessische Sozialministerin Silke Lautenschläger sitzt heute im Vorstand der privaten Krankenversicherung DKV. Walter Riester ist seit 2009 Mitglied im Aufsichtsrat von Union Investment. Es gibt aber auch die umgekehrte Richtung. So wechselte Andreas Dombret (CDU) von der Bank of America in den Vorstand der Deutschen Bundesbank. Zum Beispiel.

Via NachDenkSeiten.

Edvard Munch in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Edvard Munch war für mich immer der typische Maler aus den Bertelsmann-Lexika, die meine Eltern in den 1970er Jahren angeschafft hatten, in denen es von bunten Bildchen nur so wimmelte. Als ich dann Anfang der 1990er Jahre, bei der letzten Munch-Ausstellung in Frankfurt, den „Schrei“ zum ersten Mal in mehreren Ausführungen sah, war ich enttäuscht, denn er wirkte auf mich sehr viel weniger eindringlich als ich erwartet hatte. Immerhin: So kannte man ihn.

Die derzeitige Ausstellung von Munchs Werken in der Frankfurter Kunsthalle Schirn macht aber deutlich, daß es den „typischen Munch“ nicht gibt, daß er mehr ist als „Der Schrei“ und „Die Mädchen auf der Brücke“. Die Ausstellung zeigt eine Vielfalt in Stil und Motiven, die in der populären Munch-Rezeption bisher tatsächlich untergegangen ist. Sie erzählt konsequent gegen das allzu glatte Bild von Munch als einer Pop-Ikone der modernen Malerei, indem sie das Prinzip der Serie von bestimmten Motiven hervorhebt und dabei vorführt, wie gründlich er in seinen Bildern sein eigenes Leben verarbeitet hatte, in dem Krankheit, Tod, Trauer und Leiden ganz im Vordergrund standen.

Wiederkehrend ist auch die Dynamik in der Darstellung, die in den steilen Fluchtlinien zum Ausdruck kommt, die aber keine kreuzbrave zentralperspektivische Konstruktion sind, sondern die nur zeigen, wie sehr die Szene und ihre Darsteller in Bewegung sind, in einer Zeit, in der die Motorisierung und die Elektrifizierung begann, in der das Kino aufkam und das Radio. Es war eine andere Welt, in der man noch mit einem Pferdefuhrwerk zügig unterwegs sein konnte, in der man sich aber auch sehr grundlegende Gedanken machte, welche Vorteile die Photographie gegenüber der Malerei haben könnte – und umgekehrt. Munch war an diesen Neuerungen interessiert und setzte sie bei der Komposition seiner Bilder ein.

Die biographisch bedingten Schwerpunkte wiederholen sich, kurzfristig ebenso wie Jahrzehnte später. Die großformatigen Gemälde und Lithographien stehen gleichwertig neben den experimentellen kleinen Photographien, die Munch meist von sich selbst und von seinen Bildern gemacht hatte. Teils verwischt oder mehrfach belichtet, zeigen sie ihn in ganz unterschiedlichen Posen, narzißtische Blicke auf sich selbst, seltener auf seine Modelle.

In einer Hinsicht kann die Lesart der Ausstellung deshalb nicht überzeugen: So sehr Munchs Schaffen von äußeren Anlässen mit bestimmt gewesen sein mag, indem er etwa eine Zeitungsmeldung über ein brennendes Haus oder die Arbeiterbewegung aufgriff, so bleibt es doch dabei, daß sich sein Werk um ihn selbst dreht und diesen Mittelpunkt auch kaum verläßt: Seine Person, seine konflikthafte Haltung gegenüber Frauen und der Umgang mit seinen sonstigen nervlichen Problemen. Freilich, niemand entrinnt sich selbst, aber bei Munch ist das besonders deutlich. Und doch schafft er es zu seinem Lebensende hin, das doch noch einmal zu steigern und sich immer noch eine Spur intensiver sich selbst anzunähern, in einer gewissen Schonungslosigkeit, indem sich die Zahl und Häufigkeit seiner gemalten Selbstporträts noch einmal erhöhen. Sie zeigen einen verbitterten Mann, der einsam zur Flasche greift und der die Umwelt zwar noch wahrnimmt, aber in keiner direkten Beziehung zu ihr steht. Freude und Leichtigkeit wird man bei ihm nicht finden, aber „Die Sonne“ hebt sich dann doch hell strahlend positiv von seinem restlichen Werk ab. Es ist ein Einzelstück geblieben.

Edvard Munch: Der moderne Blick. Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main. Bis 28. Mai 2012. Danach in der Tate Modern in London.