Edvard Munch in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

von schneeschmelze

Edvard Munch war für mich immer der typische Maler aus den Bertelsmann-Lexika, die meine Eltern in den 1970er Jahren angeschafft hatten, in denen es von bunten Bildchen nur so wimmelte. Als ich dann Anfang der 1990er Jahre, bei der letzten Munch-Ausstellung in Frankfurt, den „Schrei“ zum ersten Mal in mehreren Ausführungen sah, war ich enttäuscht, denn er wirkte auf mich sehr viel weniger eindringlich als ich erwartet hatte. Immerhin: So kannte man ihn.

Die derzeitige Ausstellung von Munchs Werken in der Frankfurter Kunsthalle Schirn macht aber deutlich, daß es den „typischen Munch“ nicht gibt, daß er mehr ist als „Der Schrei“ und „Die Mädchen auf der Brücke“. Die Ausstellung zeigt eine Vielfalt in Stil und Motiven, die in der populären Munch-Rezeption bisher tatsächlich untergegangen ist. Sie erzählt konsequent gegen das allzu glatte Bild von Munch als einer Pop-Ikone der modernen Malerei, indem sie das Prinzip der Serie von bestimmten Motiven hervorhebt und dabei vorführt, wie gründlich er in seinen Bildern sein eigenes Leben verarbeitet hatte, in dem Krankheit, Tod, Trauer und Leiden ganz im Vordergrund standen.

Wiederkehrend ist auch die Dynamik in der Darstellung, die in den steilen Fluchtlinien zum Ausdruck kommt, die aber keine kreuzbrave zentralperspektivische Konstruktion sind, sondern die nur zeigen, wie sehr die Szene und ihre Darsteller in Bewegung sind, in einer Zeit, in der die Motorisierung und die Elektrifizierung begann, in der das Kino aufkam und das Radio. Es war eine andere Welt, in der man noch mit einem Pferdefuhrwerk zügig unterwegs sein konnte, in der man sich aber auch sehr grundlegende Gedanken machte, welche Vorteile die Photographie gegenüber der Malerei haben könnte – und umgekehrt. Munch war an diesen Neuerungen interessiert und setzte sie bei der Komposition seiner Bilder ein.

Die biographisch bedingten Schwerpunkte wiederholen sich, kurzfristig ebenso wie Jahrzehnte später. Die großformatigen Gemälde und Lithographien stehen gleichwertig neben den experimentellen kleinen Photographien, die Munch meist von sich selbst und von seinen Bildern gemacht hatte. Teils verwischt oder mehrfach belichtet, zeigen sie ihn in ganz unterschiedlichen Posen, narzißtische Blicke auf sich selbst, seltener auf seine Modelle.

In einer Hinsicht kann die Lesart der Ausstellung deshalb nicht überzeugen: So sehr Munchs Schaffen von äußeren Anlässen mit bestimmt gewesen sein mag, indem er etwa eine Zeitungsmeldung über ein brennendes Haus oder die Arbeiterbewegung aufgriff, so bleibt es doch dabei, daß sich sein Werk um ihn selbst dreht und diesen Mittelpunkt auch kaum verläßt: Seine Person, seine konflikthafte Haltung gegenüber Frauen und der Umgang mit seinen sonstigen nervlichen Problemen. Freilich, niemand entrinnt sich selbst, aber bei Munch ist das besonders deutlich. Und doch schafft er es zu seinem Lebensende hin, das doch noch einmal zu steigern und sich immer noch eine Spur intensiver sich selbst anzunähern, in einer gewissen Schonungslosigkeit, indem sich die Zahl und Häufigkeit seiner gemalten Selbstporträts noch einmal erhöhen. Sie zeigen einen verbitterten Mann, der einsam zur Flasche greift und der die Umwelt zwar noch wahrnimmt, aber in keiner direkten Beziehung zu ihr steht. Freude und Leichtigkeit wird man bei ihm nicht finden, aber „Die Sonne“ hebt sich dann doch hell strahlend positiv von seinem restlichen Werk ab. Es ist ein Einzelstück geblieben.

Edvard Munch: Der moderne Blick. Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main. Bis 28. Mai 2012. Danach in der Tate Modern in London.