MedienMittwoch in Frankfurt: „Zukunftsfähige Arbeitswelten – Diskutiert unter den Bedingungen von Globalisierung, Finanzkrise und Klimawandel“

Er habe gemeinsam mit zwei ehemaligen Kommilitonen eine Firma gegründet, erzählte mir etwas aufdringlich der junge Mann, der gerade den freien Platz neben meinem erobert hatte. Auf Nachfrage: Davor habe er die Deutsche Bank in Marketing-Fragen „beraten“, jetzt verkauften sie Ausschreibungen für Online-Stellenportale an Arbeitgeber. Wie er denn auf die Veranstaltung aufmerksam geworden sei? Er sei „neu in der Stadt“, und „richtige Frankfurter“ hätten ihm geraten, sich hier schnell „zu vernetzen“, deshalb sei er heute abend gekommen. Ob er die Ausstellung schon besucht habe, in deren Begleitprogramm die Veranstaltung stattfinde? – Welche Ausstellung? Nein, er komme heute zum ersten Mal zum MedienMittwoch. Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem „Sinn menschlicher Arbeit“, und das war ja genau das, wovon er gerade erzählt hatte. Was ich denn so mache? Ich erzähle ihm von mehr idealistischen Aufgaben, die einen großen Stellenwert für mich haben. Mein Sitznachbar verstummt und rückt bald einen Platz weiter nach links. Das Publikum hat sich brav Namensschildchen geholt, was mir ganz entgangen war. Ich werde meinem Schildchen nicht hinterherrennen – es ist auch entbehrlich gewesen.

Eine etwas fremd anmutende Szene um mich her. Überwiegend Betriebswirte, wie mir scheint, und sie stellen sich auch in der Diskussion ganz stolz genau so vor. Sie möchten etwas „als Betriebswirte“ erfragen oder sie bitten als solche das Panel um Auskunft. Da vorne sitzen auf bequemen Sesseln – man beginnt mit akademischem Viertel – ein „Coach“ („Hast Du Probleme, geh zum Coach!“), ein „Zukunftsforscher“ aus dem Zukunftsinstitut von Matthias Horx, dessen Name mir gerade entfallen ist, ein Wirtschaftsprüfer, der sich auch für die bessere Architektur interessiert, und ein Banker, den man vielleicht besser einen Bankier nennen sollte. Dunkle Anzüge, die Krawatten sind zuhause geblieben, wirkt irgendwie grün, und dann doch wieder nicht. Drei von vieren stellen sich dann ebenfalls als Betriebswirte vor und erklären, ihre Ausbildung präge ihre Sicht der Dinge. Ich schaue zum ersten Mal auf meine Uhr an diesem Abend.

Dann gibt jeder der vier Herren einen Impuls. Wenn man diese kleinen Powerpoint-Shows sieht, bemerkt man, warum Lawrence Lessigs Vorträge so kunstvoll sind. Der Zukunftsforscher bot den bei weitem beschränktesten Ausblick auf die Arbeitswelt, den man sich überhaupt vorstellen könnte. Alles Angenehme und Menschliche hat bei ihm nur den einen Zweck, die Arbeitsproduktivität noch weiter zu erhöhen. Kaffeetrinken nennt er „Socialising“. Und damit ist sein Beitrag an diesem Abend auch schon vollständig beschrieben. Der Wirtschaftsprüfer Peter Wesner beschrieb den weitesten Horizont, indem er als einziger auch die gesellschaftlichen Aspekte von Arbeitslosigkeit und die sozialpolitische Reformdiskussion von Anfang an mit einbezieht, dabei gleichzeitig aber sich dagegen verwahrt, als allzu links abgestempelt zu werden. Wer das täte, täte ihm wahrscheinlich tatsächlich Unrecht, er ist einfach ein aufgeklärter und kluger Kopf. Und der Bankier in der Runde, Norbert Schenzle, hatte gerade eine Genossenschaftsbank gegründet, in der er „konservative Werte modern leben“ möchte. Bei seinem schwäbischen Akzent glaubt man ihm das auch. Er möchte eine solide Bank für den Mittelstand bieten als eine Alternative zu den Casino-Banken, die die Finanzkrise herbeigeführt hatten, „auch wenn manche von Ihnen darüber lächeln mögen“.

Der Abend lebte ganz von den Beiträgen Peter Wesners, der anmerkte, daß eine Gesellschaft die Dauerangst der Arbeitslosigkeit sehr wahrscheinlich nicht aushalten könne und daß es ein großer Fehler sei, Arbeitslose als solche abzustempeln und in die politisch gewollte Armutsfalle namens Hartz IV zu verbannen. Sehr bald fiel denn auch der Begriff des bedingungslosen Grundeinkommens, der sowohl von den anderen Diskutanten als auch vom Publikum erstaunlich offen aufgenommen wurde, niemand wehrte sich merklich dagegen. Wahrscheinlich hat man sich damit abgefunden, daß die Underperformer, „die wir nicht mehr lebenslang einstellen können“, sowieso mit durchzuschleifen sind. Es gebe eine Diskrepanz zwischen der Erkenntnis von Problemen und der Umsetzung von Lösungen. Niemand traue sich hierzulande, kleine Schritte anzugehen, solange nicht abzusehen sei, daß sie sicher zu einem bestimmten Erfolg führen könnten. Am Ende eine Prophezeihung: Nach der Bundestagswahl 2013 werde es krachen. Auf Nachfrage einer Teilnehmerin im Publikum: Es werde sehr wahrscheinlich wieder eine Währungsreform geben mit einer sehr schlimmen Inflation, denn die Schuldtitel und die Geldmenge, die derzeit im Umlauf seien, machten etwa das Dreißigfache von dem aus, was an Werten in der Realwirtschaft vorhanden ist. Deshalb sei diese Folge unausweichlich. Applaus.

Die Wirtschaftsjournalistin, mit der ich mich beim Hinausgehen unterhalte, ist enttäuscht vom Verlauf des Abends und vom Geschwätz der Nieten in Nadelstreifen auf dem Podium. Ich hatte nichts anderes erwartet. Wesner war gut, wir sind uns einig, aber auch für ihn war die Frauenförderung kein Zweck an sich, sondern nur ein Ausdruck von betriebs- und volkswirtschaftlicher Effizienz: Wenn man Frauen nicht einstelle, würde ja etwa die Hälfte dessen, was volkswirtschaftlich für die Schul- und Universitätsbildung ausgegeben werde, verschwendet, das sollte man sich doch noch einmal überlegen.

Applaus.

Die Teilnehmerin, die sich zum Klimawandel äußern sollte, war kurzfristig erkrankt und mußte absagen, deshalb konnte zu diesem Punkt keiner etwas beitragen.

Man lächelt.

Die Aufzeichnungen der Diskussionen des MedienMittochs werden in der eigenen Mediathek gesammelt.

Ein inszenierter Rücktritt

Mit der sommerlichen Diskussion um den politischen Geschäftsführer der Piratenpartei Johannes Ponader verschiebt sich der Schwerpunkt, mit dem die Partei öffentlich wahrgenommen wird, und damit ist es den Piraten gelungen, wie man in den 1980er Jahren so sagte, „ein Thema zu besetzen“. Der Geschäftsführer und der Vorsitzende der Partei symbolisieren nun sozusagen die beiden Pole, zwischen denen die Berufstätigkeit sich heutzutage bewegt, der eine im Hauptberuf Freiberufler und zumindest zeitweilig auf Grundsicherung, der andere ein wohlalimentierter Beamter in einem Bundesministerium. Ponaders Prekarität steht damit unmittelbar neben dem Besitzstand des Öffentlichen Diensts.

Das ist ein gelungener Schachzug, einerseits um die Piratenpartei aus der Ecke der Urheberrechtsdebatte herauszuholen, die sowieso außerhalb der Internetgemeinde kaum einer verstanden hatte. Den Lesern des Feuilletons erschien die Partei zunehmend als urheberrechtsfeindliche Gruppierung, die ihnen die regelmäßige Überweisung von der VG Wort neidet und sie ihnen wegnehmen will, ohne anstelle dessen etwas Gleichwertiges anbieten zu können. Andererseits geht es bei der Diskussion aber auch darum, neue Wählerschichten anzusprechen. Nachdem der Zustrom an Protestwählern bisher aus allen konkurrierenden Parteien kam, zielt man nun direkt auf die unzufriedenen potentiellen Wähler von SPD und Linkspartei, die mit der Sozialpolitik der Schröderschen Agenda 2010 unzufrieden sind und sich eine Verbesserung durch die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens versprechen. Die Bühne für diesen Angriff gegen links bot denn auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung – kein Zufall. Mit großer Geste erklärt Ponader dort seinen Verzicht auf weitere Grundsicherungsleistungen, indem er etwas verquast erklärte, er trete „vom Amt“ zurück. Erst ganz zum Schluß des Textes läßt er dann die Katze aus dem Sack: „Ich verlasse das Amt, um frei zu sein. Das Arbeitsamt. Nicht mein Amt als politischer Geschäftsführer.“

Man darf sich nicht täuschen lassen. Die Piraten sind und bleiben eine liberale, keine linke Partei. Die IT-Berufler, die den Kern ihrer Mitglieder (nicht notwendig: ihrer Wähler) stellen, haben durch die hohen Honorare, die in diesem Sektor üblich sind, vom normalen Arbeitsmarkt ungefähr soviel Ahnung wie der große Wind in Christian Morgensterns Windgespräch von Kuntzens Tanzsaal. Ponader ist in seinen eigenen Reihen deshalb eher eine schillernde Ausnahme, denn die Regel: Als Künstler sowieso, aber auch als Empfänger von Grundsicherungsleistungen. Sein „Rücktritt“ ist da ganz sicherlich nur von vorübergehender Dauer, die prekäre Lage von Künstlern, insbesondere von Schauspielern, die von den Hartz-Gesetzen aus mehreren Gründen besonders hart betroffen sind, ist bekannt. Er vertritt nicht die Mehrheit in seiner eigenen Partei, aber sie sonnt sich – bei leise grummelndem Widerspruch – durchaus in seinem Auftritt. Solange das so ist, kann man diese Diskussion nur als eine wohlkalkulierte und durchaus professionelle Inszenierung im Sommerloch verstehen. Es sind Zweifel angebracht, ob der Sache des Grundeinkommens damit gedient ist.

Der Wanderer XXXVI

Also nach unten, denn es mußte weitergehen. Es war etwas schwer zu Anfang. Der Grund war hart, aber mit der Zeit ging es dann. Immer leichter. Durch die Erde, die Steine: Beiseite. An der Baumwurzel links ab, bis zum Kanalrohr, drunter durch, immer weiter, an den Pilzgeflechten entlang, quer über die U-Bahntunnel hinweg. Da drüben, von unten besehen: Die Hecke. Am Sonntagmittag. Dann noch etwas tiefer, um ein halbes Leben später etwa wieder an den Grund zu kommen und die schwere Erde unter sich zu lassen. Weißt Du, das Gras ist grün und leicht und wunderbar weich, wenn man darauf liegt. Es geht ein sanfter Wind, und die Sonne ist warm hier oben. Wie weit ist es bis Panama?