Henry Moore

von schneeschmelze

Unter den wenigen Werken, die die Kunsthalle Mannheim während der Sanierung noch zeigt, hat mich Henry Moores Krieger mit Schild in meiner Traurigkeit bei weitem am meisten angerührt. Der verwundete, zum Torso reduzierte Mann, der da lebensgroß vor mir saß. In der sich selbst schützenden Haltung erstarrt, führt er längst schon einen ganz anderen Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner, dem er sich nicht zuwendet, vielmehr schaut er mich an, dabei kraftvoll, trotz des enormen Verlusts, sein ihm verbliebener rechter Arm hält den Schild und läßt keine weitere Verletzung zu. Sein früheres Leben ist noch ahnbar. Was ihm geblieben ist, ist vor allem sein großer, mächtiger Körper, der sich zwar neigt, dabei aber aufrecht bleibt. Er leidet stolz, trotz seines Untergangs, er bleibt auch in dieser Lage männlich, ohne tumb zu wirken. Die Gefahr droht von allen Seiten. Vereinnahmt mich nicht, ich sorge für mich zuerst, wie es mir jetzt geht. Ein anrührendes Pathos, das man, wie ich meine, aus dem ursprünglichen historischen Kontext lösen und neu verstehen kann. Es ist eine Skulptur, die heute durchaus für die vielen Ausgeschlossenen stehen kann, denen nur verbleibt, sich zu schützen und vor dem noch Schlimmeren zu schützen, weil ein Weitergehen nicht mehr absehbar ist, alle Wege verschlossen oder für sie ungangbar geworden sind. So halten sie sich den Schild schützend vor die Brust und schauen, sitzend, aus leeren Augen in die Ferne. Wohin.