Suhrkamp-Kultur und Blogosphäre

Die Suhrkamp-Kultur ist mir alles andere als fremd geworden. Sie ist aber ein zeitlich begrenztes Phänomen geblieben und hat sich nicht bis in die Gegenwart hinein fortgesetzt, soviel ist richtig.

Wenn beispielsweise Mercedes Bunz ihre Thesen, die wir schon aus ihrem Blog, aus ihren früheren Texten für den Guardian und aus ihren TED-Talks kennen, nun auch in der edition unseld verbreitet, so handelt es sich dabei um ein Buch, das sich einerseits vorrangig an die eher netzaversen Leser richten dürfte, die das alles nicht all die Jahre schon verfolgt haben, und das andererseits eben im Netz vorbereitet worden ist und jetzt nur noch in einem anderen Format vorgelegt wird. Das ist zwar bei Suhrkamp erschienen und – ich lese es gerade – hat ganz sicherlich einen dementsprechenden Anspruch und Gehalt, es ist aber nicht mehr ein Teil der so genannten Suhrkamp-Kultur, die längst eine abgeschlossene Phase unseres gesellschaftlichen Diskurses geworden ist. Was aber nichts daran ändert, daß ihre Werke weiterhin bis in die Gegenwart hinein wirken.

Wenn die Blogosphäre das kaum wahrnimmt, so kann daraus m. E. nicht geschlossen werden, das Thema wäre nicht mehr so bedeutsam wie früher. Es spricht einfach gegen die Blogosphäre, die es auch hier den Feuilletons überläßt, über Abläufe zu berichten und zu reflektieren, weil sie dazu offenbar nichts zu sagen hat. Weil sie nicht recherchiert, keinen Zugang zu den Akteuren sucht und sich in der Form von „Kunstblogs“ in den meisten Fällen von der PR-Maschine im Kulturbetrieb zu bloßen unkritischen Claqueuren für Kunstausstellungen machen läßt. Weil sie ihre Chance, einen vollwertigen Ersatz oder ein Korrektiv für die Konzernpresse zu entwickeln, nicht wahrnimmt. Davon wäre zu reden.

Kommentar bei Carta, 2. Januar 2013.

8 Kommentare zu „Suhrkamp-Kultur und Blogosphäre“

  1. Der letzte Satz hört sich an wie Uwe Johnson (der ist ja auch wirklich bei suhrkamp erschienen) oder wie Christa Wolf (luchterhand).

  2. Bin gespannt auf Deinen Post nach Lektüre der stille(n) Revolution. Habe es (teuer) gekauft, angelesen, weggelegt, nochmal rangepirscht – komme gar nicht damit zurecht… eine Art Melting Pot aus dem kein leckerer Eintopf wird….

  3. Danke für den Hinweis – werde mir natürlich zuerst die Quelle anschauen. Und die Zwischenzeit investiere ich, um weiter unreflektiert über Kunstausstellungen zu bloggen 😉

  4. Die Dinge haben sich eben verändert. Früher, vor dem Internet, war das, was bei Suhrkamp stattfand ganz weit vorne, gesellschaftlich. Da waren oft die Vordenker am Werk und diese haben gesellschaftliche Diskussionen ausgelöst. Heute bildet Suhrkmap (und andere) quasi eine Art von Dokumentation für die Nachwelt. Das ist so zwar nicht immer richtig, aber schon relativ häufig. Eine solche Dokumentationsfunktion könnte auch das Internet übernehmen; es tut es derzeit aber noch beinahe gar nicht. Und erst Recht tut es die sogenannte Blogosphäre nicht. Allerdings will ich auch sagen, dass ich mich mit dem Begriff schwer tue, weil es ‚die‘ Blogosphaere eben nicht gibt. Aber, das ist ein anderes Thema ..

    Übrigens: Paradoxerweise ist es so, dass die Blogger oder auch andere Teilnehmer an dem, was man Internet nennt, die sogenannte Suhrkamp-Kultur vor allem deshalb nicht wahrnimmt, weil sie sich damit nicht auseinandersetzt. Es ist nicht so, als würden die Netzleute nicht lesen, aber es ist schon häufig so, dass sie mit (Hoch)Kultur und eben auch mit Literatur nichts anfangen können und auch nicht mit Soziologie und anderen gesellschaftlichen Themengebieten. Was man daraus schließen kann, weiß ich noch nicht. Es ist mir vorläufig zu simpel, diese Generation abzuurteilen wegen dieses Desinteresses, denn, man muss ja schon auch einsehen, dass insgesamt nur noch wenig gelesen wird. Da ist die Internet-Generation also quasi nur eine Teilmenge einer größeren Gruppe, die sich durch alle Bevölkerungsschichten zieht und die mittlerweile deutlich in der Mehrheit ist gegenüber den Lesenden. Die Unfähigkeit oder der Unwille, sich intensiv mit einem einzelnen Thema auseinanderzusetzen, wird uns noch Probleme bereiten und das tut es ja auch heute schon. Stichwort: Politik etc.. Gerade heutzutage sollten sich die Menschen mit dem auseinandersetzen, was sie doch tagtäglich betrifft. Man kann aber stattdessen feststellen, dass sich die Menschen abwenden von gesellschaftlichen Themen. Mitarbeiten an der Gesellschaft von Morgen findet (beinahe) nicht mehr statt. Das ist in vielerlei Hinsicht fatal.

    1. Ich werfe es niemand vor, wenn er sich die „Minima Moralia“ nicht antut und dazu dann nichts zu sagen hat. Ich stelle schlicht fest, daß es „unter Bloggern“ doch meist so ist. Im Netz überhaupt. Nehmen wir Wikipedia: Über die Pflege der Artikel zur Informatik müssen wir uns keine Sorgen machen, aber die Geistes- und Sozialwissenschaften einschließlich Jura sind ganz überwiegend in einem wirklich erbärmlichen Zustand, und es ist nicht abzusehen, wie sich daran etwas ändern sollte.

      Die Suhrkamp-Klientel mag dort nicht mitarbeiten und erwartet von einem Lexikon, daß es fertig vorliegt und benutzt werden kann. Sie wollen konsumieren, nicht mitmachen. Deshalb ist es folgerichtig, wenn sie sagen, im Netz gebe es nur schlechte Qualität, alles andere sei besser als das. Man ist nach hinten orientiert: Früher sei alles besser gewesen. Ganz anders die Netzgemeinde, die dieses Früher gar nicht erst kennengelernt hat. Sie schreiben ausschließlich aus der Gegenwart schöpfend vor sich hin und sind dabei oft ganz geschichtsvergessen und lassen nur gelten, was sie in Google finden. Da Google zunehmend an Alzheimer leidet, wird das Langzeitgedächtnis des Netzes immer schlechter. Und damit auch die Qualität dieser radikal in der Gegenwart lebenden Generation Web.

      Sie lesen wenig. Wenig Bücher, ja. Aber das Netz ist ja weiterhin textbasiert, man liest soviel wie früher nur im Studium. Aber was liest man? Hat es Tiefgang? Ist es theoretisch fundiert? In aller Regel nicht. Es sind Tagebuch-Ergüsse, die wir in den Blogs finden. Nicht ohne Belang, ganz sicherlich, aber man muß sich fragen, ob es die Lebenszeit wert ist, die man mit der Lektüre verbringt. So geht es mir jedenfalls immer mehr. Häppchen werden gereicht, und der Journalismus im Netz ist um keinen Deut besser.

      Es kommt aber noch etwas dazu. Es sind nicht nur die Inhalte, es ist auch das Medium selbst. Es ist die Typographie. Wir nehmen nämlich keinen „Content“ auf, wenn wir lesen, sondern was wir dabei aufnehmen ist maßgeblich davon bestimmt, wie es typographisch dargeboten wird (nur mit Registrierung, und nur „for a limited time“ dort zu lesen). Was ich im Webbrowser lese, nehme ich anders wahr als das, was ich im PDF-Viewer schön gesetzt lese. Und Print ist wiederum anders.

      So kommt vieles zusammen: Bestimmte Inhalte erhalte ich nur auf bestimmten Kanälen (Bibliothek, Web, Zeitung, Blogs, Wikis…) von bestimmten Autoren in einer bestimmten Technik. Man sollte sehr wählerischer sein bei der täglichen Auswahl seiner Lesediät.

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