Texte sind Dokumente

von schneeschmelze

Es gibt sie noch: Die Diskussionen um rassistische und sexistische Sprache. Nachdem ich einst im Schuljahr 1986/1987 einen feministischen Deutschkurs gewählt hatte, hätte ich es nicht für möglich gehalten, aber solche Diskurse finden tatsächlich auch 25 Jahre danach weiterhin statt. So streiten zwei unentwegte Feministinnen und ein Soziologe in der deutschsprachigen Wikipedia für die Einführung des Binnen-I, das sich bekanntlich über die taz hinaus bis heute kaum im Mainstream durchgesetzt hat, und hätten gerne auch, daß die Studentenbewegung (nicht nur die von 1968 ff., sondern alle Studentenbewegungen) in dem Nachschlagewerk in eine Studierendenbewegung umbenannt werde, ungeachtet der Tatsache, daß es sich dabei um den allgemeinen Sprachgebrauch und um einen feststehenden historischen Begriff handelt. Außerdem werden derzeit zunehmend Kinderbücher „bereinigt“, berichtet beispielsweise die besagte taz am 12. Januar 2013: Seit 2009 wurde in „Pipi in Taka-Tuka-Land“ aus dem Wort „Negerkönig“ ein „Südseekönig“, im „Tom Sawyer“ wurde der „Nigger“ stillschweigend durch den „Sklaven“ ersetzt, der Kinderkanal KiKa zeigt den „Jim Knopf“ aus der „Augsburger Puppenkiste“ nicht mehr, und zuletzt hat der Thienemann Verlag die Wörter „wichsen“ und „Negerlein“ aus der „Kleinen Hexe“ im Namen der Political Correctness gestrichen.

Über die Empörung im konservativen Feuilleton wurde schon kritisch geschrieben. Aber auch ich halte solche Aktionen für falsch, denn bei den Büchern handelt es sich um Dokumente, die als solches unbedingt erhaltenswert sind. Es sind Klassiker der Kinder- und Jugendbuchliteratur, und sie sind, wie alle Werke, Kinder ihrer Zeit. Das impliziert, daß sie in einer bestimmten Sprache verfaßt wurden, die in den jeweiligen gesellschaftlichen Zusammenhang einzuordnen ist, aus dem sie hervorgegangen sind. Historische Texte sollten kommentiert werden. Wenn ihre Sprache nicht mehr allgemein verstanden wird, muß sie erläutert werden, dann braucht es Fußnoten und Anhänge, wie es bei Klassikerausgaben üblich geworden ist. Vielleicht tritt dieser Fall heute auch schneller ein, als zu früheren Zeiten. Das ändert aber am ganzen nichts. Schiller in neuer deutscher Rechtschreibung zu setzen, ist ein ebensolcher Unfug wie die „Bereinigung“ alter Texte zur Beruhigung der elterlichen Sorge angesichts der Frage, ob man seinem Kinde einen Text denn überhaupt noch zukommen lassen sollte. Wer meint, Pipi Langstrumpf sei rassistisch, der möge sich nach einem anderen Werk umschauen. Wenn das tatsächlich so sein sollte, wäre es um das Buch nicht schade, der Verzeicht auf Astrid Lindgren wäre kein Verlust. Schließlich würde ich einem Kind auch nicht den wirklich brutalen „Struwwelpeter“ an die Hand geben, in dem den Kindern Daumen abgeschnitten werden und in dem sie an Drachen unwiederbringlich davonfliegen. Es gibt Texte, über die die Zeit hinweggegangen ist. Wenn sie für uns so unerträglich geworden sind, daß wir sie heute für rassistisch oder für sexistisch halten müssen, sollten wir sie gar nicht mehr verwenden, dann brauchen wir neue Bücher. Bei Übersetzungen wäre freilich zu entscheiden, ob die alten Übertragungen heute anders ausfallen müßten; das kann der Fall sein, sollte aber auch nicht mit Blick auf politische oder ideologische Opportunität entschieden werden. Auch Ansätze zu einer differenzierenden Lösung gehen wohl fehl, denn, um das Beispiel der rassistischen Sprache von Harriet Beecher-Stowe aufzugreifen, ein rassistischer Text ist ein rassistischer Text, egal in welchem Zusammenhang er entstanden war. Auch wenn ich beispielsweise der Anthroposophie zugeneigt bin, muß ich anerkennen, daß Rudolf Steiner nicht nur zu einem großen Teil unsinnige, sondern auch rassistische Texte verfaßt hatte. Wer das entschuldigen möchte, mag sich etwas anderes zurechtlegen, an den Tatsachen ändert es aber nichts.

Denn eines ist klar: Wenn ein Kinderbuchverlag dies macht, und das Ergebnis einer solchen sprachlichen Zensuraktion weiterhin als das Original ausgibt und nicht als eine „sprachlich bereinigte Ausgabe nach Motiven von…“, dann geht es ihm nicht in erster Linie darum, gegen rassistischen oder gegen sexistischen Sprachgebrauch vorzugehen, sondern es geht ihm ganz schlicht ums Geld. Man fürchtet um die Einnahmen und um das Image, wenn sogar die – sehr konservative – Bundesfamilienministerin in der Vorweihnachts-„Zeit“ über ihre Leseerfahrungen berichtet und ein Raunen durch den gedruckten Blätterwald geht. Man möchte weiterhin mit den alten, bekannten Cashcows im Geschäft bleiben. Man möchte nichts Neues an deren Stelle treten lassen, also muß sich das Alte ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist. Und davon wäre zu reden, wenn man sich dem Thema einmal von links nähern wollte.